Auf der Suche nach Shangri-La? An diesen Orten in Hunza findest du es (vielleicht)!


Nun, was soll man also von Hunza erwarten? Ich persönlich war natürlich fasziniert von dem Gedanken, den Ort zu besuchen, der James Hilton zu seinem fiktiven Shangri-La im Buch Der verlorene Horizont inspirierte. So verloren, verträumt und verschlafen ist der Horizont hier aber leider nicht mehr, seit China Abermillionen in den Ausbau des Karakorum Highways (KKH) investiert hat.

Die asphaltierte Straße lockt mehr noch als die vermeintlich geheimnisvolle Gebirgskultur pakistanische und ausländische Touristen in den Norden. Vor allem in den Sommermonaten wird es hier ziemlich voll. Der Trend reicht etwa sieben Jahre zurück und wurde zwischenzeitlich nur durch Covid-19 unterbrochen.

Karimabad Hunzatal

Noch sind die Massen willkommen und man investiert fleißig in Hotels oder den Jetski-Park am Attabad-See. Denn zugegeben: Für die Einheimischen hat sich einiges getan. Mehr Wohlstand, bessere Lebensqualität, kürzere Wege. Im Moment sehen hier alle nur die Vorteile, die es eindeutig gibt. Viele sprechen sogar davon, dass man ohne den Chinesen noch mit Eseln von Dorf zu Dorf unterwegs sein würde.

Trotzdem gibt es noch einige Punkte, an denen das Hunzatal in Sachen Komfort hinterherhinkt. Der Strom fällt öfters aus, das Telefonnetz ist instabil und aus den Duschen kommt meist nur kaltes Wasser – letzteres ein bisschen was wie eine Qual, wenn die Temperaturen gegen Jahresende auch an der Luft deutlich unter 10 °C sinken. Insgesamt ist in den nächsten Jahren aber eine deutliche Verbesserung der Infrastruktur zu erwarten.

Gilgit – das Tor zum Hunzatal

Gilgit ist die größte Stadt in Gilgit-Baltistan und gleichzeitig das Tor zu Hunza, Nagar und Skardu. Die meisten Reisenden, die in die Region kommen, werden hier einen Stopp einlegen müssen. Die Fahrten von Islamabad oder Chitral dauern bisher relativ lang. Nach zwischen 12 und 20 Stunden fällt man schließlich erstmal in die Betten, will sich erholen und einige Sachen vor der Weiterreise besorgen.

Das bedeutet also: Verpflegung kaufen, eventuell warme Kleidung besorgen, Geld abheben und Internet nutzen. In Gilgit gibt es sogar westliche Supermärkte mit allen erdenklichen Produkten. Abgesehen davon ist die Stadt nicht sonderlich sensationell, aber eben ein Drehkreuz und Versorgungspunkt. Wer noch Zeit hat, kann in die Umgebung aufbrechen und sich westlich der Stadt das Buddha-Relief im Felsen nahe der Ströme Kargah und Shukogah sowie die Henzal-Stupa ansehen. Mein Akku war dafür jedenfalls zu weit unten.

Gilgit

(Quelle: Wikimedia, Mirbasit, CC BY-SA 3.0)

Weiter geht es von einer der vielen, oft etwas versteckten Minibus-Stationen mit Abfahrt in Richtung Hunza, Nagar, Skardu und Mastuj. Diese findest du einfach auf MAPS.ME. Und Achtung: Die Abfahrten beginnen relativ spät ab etwa 9 Uhr morgens und enden vor Sonnenuntergang. Preislich liegen die Tickets mit 500 bis 1000 Rupees weit unter den Alternativen, vor allem den Taxis.

Sobald der Minivan voll ist, wird gestartet. Das bedeutet aber, dass mindestens 18 Leute zusammenkommen und das Gepäck auf das Dach geladen worden sein muss. Wenn die Mitarbeiter vor Ort also sagen, es ginge in einer halben Stunde los, aber nur fünf Personen auf der Liste sind: Die Aussage ignorieren, ins nächste Restaurant gehen, entspannen und 90 bis 120 Minuten chillen!

Karimabad – historische Gemeinde mit dem Baltit-Fort

Wenn du die volle Ladung lokale Kultur, Kunsthandwerk und historische Architektur genießen möchtest, bist du in Karimabad richtig. Die Gemeinde ist der Ort, an dem sich das imposante und legendäre Baltit-Fort erhebt. Die Anlage wurde schon im 8 Jahrhundert n. Ch. gegründet und war lange Zeit die Residenz des Mir von Hunza, also des Fürsten dieses kleinen Bergprinzipats. Wer hineinschnuppert, kann einen spannenden Rundgang durch die Zeit erleben und einige Artefakte aus dem Great Game zwischen dem britischen Empire und dem russischen Zarenreich bewundern.

Baltit Fort

(Baltit Fort)

Unterhalb der Festung und auf dem Weg hinauf zur Anlage kommst du an etlichen Shops vorbei, in denen regionales Kunsthandwerk und Hunza’s bekannteste saisonale Spezialitäten von Birnen über Aprikosen bis hin zu Äpfeln und Walnüssen angeboten werden – wahlweise auch in getrockneter, flüssiger oder marmeladisierter Form.

Karimabad

(Blick vom Baltit Fort über Hunza)

Ein bisschen weiter vom Zentrum entfernt liegt das zweite Fort, namens Altit, und von hier aus geht auch die Straße zum Eagle’s Nest hinauf. Was es dort gibt? Den besten Blick auf die Rakaposhi-Gruppe überhaupt. Die Infrastruktur ist eigentlich perfekt: Du findest hier Hotels, Glamping-Plätze und Cafés. Ich bin meinerseits hinauf zu diesem Aussichtspunkt getrampt, musste aber merken, dass gegen Abend, also nach dem spektakulären Sonnenuntergang, kaum noch Autos zurückfahren. Entsprechend ist es sinnvoll, ein eigenes Fahrzeug zu haben oder sich ein Taxi zu buchen. Im Funkeln wieder bergab zu laufen dauert – meiner Erfahrung nach – eine gute Stunde. Kann man machen, muss man aber nicht.

Eagles Nest

(Blick vom Eagle's Nest)

Alles in allem ist Karimabad einer der schönsten und derzeit am touristischsten geprägten Orte in Hunza. Hotels und Homestays bieten ihre Dienste an. Im Sommer soll es – so meine Gesprächspartner vor Ort – auf dem Bazar und den Gassen brechend voll werden. Zum Zeitpunkt meiner Reise, im November, gab es noch ausreichend Freiraum, um die Stadt zu erkunden. Also Tipp für Misanthropen: Nebensaison wählen.

Karimabad Ladyfinger

(Ladyfinger-Gipfel vom Eagle's Nest)

In der Unterstadt, also rund um den Markt, ist Strom fast rund um die Uhr verfügbar. Ich hatte mich bei meinem Aufenthalt hoch in die originären Stadtviertel zum Couchsurfing zurückgezogen, wo es bei der Elektrizität Schwankungen gab und das Handy sehr genau positioniert werden musste, um das Signal aufzuschnappen.

Ein Nachteil an Karimabad: Stand 2024 funktionierten drei von drei Bankautomaten überhaupt nicht mit meiner Visakarte. Um Geld abzuheben, musste ich also erst ins regionale Zentrum Aliabad oder sogar nach Gilgit fahren. Auch das dürfte sich in den kommenden Jahren ändern. In einigen Cafés wie dem Mountain Cup Kann man elektronisch bezahlen, so das Netz mitspielt.

Aliabad - das Versorgungszentrum in Hunza

Nach Gilgit ist Aliabad das zweite große Versorgungszentrum im weiteren Hunzatal. Es liegt etwa zwei Stunden von der Provinzhauptstadt entfernt und ist vor allem von seinem sehr gut ausgebauten Basar geprägt. Dieser zieht sich entlang des Karakorum Highways durch die Gemeinde. Hier gibt es alle erdenklichen Händler und Shops, Restaurants und Cafés und – funktionierende Geldautomaten!

Aliabad Banks

(Beste Chance: Bank Alfalah)

Wer Bares braucht, kommt im Hunzatal aktuell fast kaum um einen Stopp in Aliabad herum. Die besten Chancen hat man bei der Bank Alfalah. Für einen Roadtrip ist der Ort auch perfekt für einen Stopover im Hotel, weil man dann nicht erst wie in Karimabad vom Berg herunter muss, sondern sich direkt am Highway befindet. Und bis Karimabad sind es für einen Ausflug auch nur 20 bis 30 Minuten Fahrzeit. Zudem kommt man über die nahegelegene Pissan-Nasirabad RCC Brücke auch flexibel ins Nagar-Tal.

Attabad-See - Hunzas neues Freizeitparadies

Ein Stopp am Attabad-See hatte ich zwar eingeplant, aber sicher nicht im Rahmen einer klassischen Tour, bei der ein Reiseführer einen von einem Ort zum anderen kutschiert. Es kam anders. So sehr ich mich auch bemühte zu trampen – also geklappt hat das schon –, waren es keine Einheimischen die mich mitnahmen. Stattdessen hielt der Guide und Fahrer von Cristiano aus Manchester an und nahm mich wohl auf des Kunden Geheiß mit.

Wir vereinbarten also, dass ich zum Attabad-See und anschließend nach Hussaini mitkommen würde. Die Gespräche waren durchaus anregend und auch hier fragte ich wie so oft bei der lokalen Person nach, was sie so vom Tourismus halte. Alles super und wohlstandsbringend, meinte der Fahrer, der jedoch im gleichen Atemzug die ausländischen Besucher als vorbildlich hervorhob und die Reisenden aus Pakistan als problematisch darstellte. Ähnliches hatte ich schon in Kaschmir mit dem innerindischen Tourismus gehört.

Lake Attabad

(Attabad-See)

Der Attabad-See ist dabei ein herausragendes Beispiel dafür wie die Natur in Hunza auf einmal zu einer disneylandartigen Attraktion wird. Entstanden ist das Gewässer vor knapp 15 Jahren als ein Erdrutsch das Dörfchen Attabad in den Hunza-Fluss fallen ließ. 20 Menschen verloren dabei ihr leben und gleichzeitig blockierten die riesigen Felsbrocken sowohl den Karakorum Highway als auch den Hunzafluss.

Heute ist die Katastrophe von damals eher ein Segen für die regionale Wirtschaft. Ehrlich gesagt, hatte ich nur einen schönen türkisblauen See mit idyllischen Aussichten erwartet. Hunza – das geheimnisvolle Königreich in den Bergen, versteckt und verwunschen, ach, alles Pustekuchen. In Wirklichkeit hat die chinesische Straße den Tourismus angekurbelt und besagter Attabad-See ist ein kleines Freizeitparadies für diejenigen, die hier hergekarrt werden.

Als wir von Süden aus dem Tunnel herauskamen, erblickte ich blaues Wasser, Shops und Restaurants, Bootsstege, Jetskis und Ziplines. Sagen wir mal so: Auf diesem Level alles vertretbar. Diese Art Freizeitpark befindet sich an einem relativ begrenzten Ort und ist vor allem bei pakistanischen Urlaubern als Action-Option beliebt. Als Tagesausflug durchaus lohnenswert - und ein paar Hotels in der Nähe gibt es auch.

Attabad

(Jetskis am Attabad-See)

Mein temporärer Begleiter Cristiano brauchte etwa 45 Minuten, um Jetski zu fahren und mit der Zipline von der einen Seite der Bucht zur anderen zu gleiten. Danach ging es mit dem Boot zurück und wir konnten, nachdem ich mein köstliches Mahl – Chap Shoro, ein gefülltes knuspriges Fladenbrotgebäck – verspeist hatte, wieder ins Auto gehen.

Fazit: Attabad gut für Action, absolut familienfreundlich, nachhaltigkeitsbezogen alles noch vertretbar, so sich nicht irgendwann das gesamte Hunzatal in einen Freizeitpark verwandelt.

Hussaini - die (mit Sicherheit nicht) "tödlichste Brücke der Welt"

Hussaini war der zweite Stopp auf meiner kleinen Tour per Anhalter mit Guide. Und weil sich hier nun einmal - will man den vielen Clickbaits auf YouTube glauben – "gefährlichste und tödlichste Brücke der Welt" befindet, war der Besuch nur folgerichtig. Klar, durch den deutschen TÜV würde die Konstruktion mit ihren weit auseinander auf den Drahtseilen liegenden Planken nicht kommen. Dass hier massenweise Menschen in die Schlucht gefallen wären, kann ich mir aber bei der Menge der Touristen kaum vorstellen. Sie so ganz allein und ohne Absicherung darauf zu lassen, nun ja.

Hussaini Bridge

(Obligatorisches Foto auf der tödlichsten aller Brücken, Hussaini)

Die Brücke selbst, nehme ich mal an, wird so schnell nicht einstürzen. Als Besucher bezahlt man hier 500 Rupees, also umgerechnet knapp 2 Euro, und mit diesem Geld wird die Instandhaltung gewährleistet. Den Touristen aber zu vertrauen, dass sie einen Schritt nach dem anderen machen können – darauf würde ich nun auch nicht wetten. Die Lücken sind vergleichsweise groß und trotz zunehmendem Bauchansatz hätte ich locker hindurch gepasst, um am Ende im eiskalten Wasser der Hunza zu landen. Selbst wer zwischen den Brettern stecken bleibt, dürfte nicht wirklich angenehm sein.

Im Prinzip ist es natürlich ganz einfach und auf ebenem Boden schafft man es locker, seinen Fuß auf die vorgesehenen Bereiche zu setzen. In der Höhe mag es aber dem ein oder anderen schwindelig werden, zumal die Strömung des Flusses für etwas Verwirrung im Kopf sorgen kann.

Hussaini Hunza

(Hussaini Hängebrücke)

Generell ist die Hussaini-Brücke ein Must-See in Hunza. Wer schwindelfrei ist und sich zutraut, die Füße richtig zu platzieren, wird hier einen Heidenspaß haben. Am Ende angekommen wirkt es übrigens so, als wenn diese tödlichste aller je gebauten Brücken eigentlich ins Nichts führt. Am Rande der Klippen gibt es aber einen kleinen Weg, der weiter nach Zarabad und Khuramabad führen. Diese Ortschaften sind kaum noch bewohnt und werden vor allem als Anbaufläche genutzt.

In Hussaini gibt es übrigens nicht die einzige schwindelerregende und tödlichste Brücke der Welt. Wer den Karakorum Highway bereist, wird sowohl in Gilgit-Baltistan als auch in Khyber-Pakhtunkhwa viele solcher Viadukte entdecken. Hier lohnt es sich, individuell mal anzuhalten und die Locals zu fragen, ob man hier sicher hinüberkommt. Diese Experience ist dann auch mal etwas individueller.

Borith-See - verstecktes Juwel, aber nicht zum Wandern (im November)

Beim Besuch der Hussaini-Brücke kam es zu einer gar nicht so selten vorkommenden Begebenheit. Zwei britische Pakistaner, die mich bereits in Karimabad mit hinauf zum Eagle’s Nest genommen hatten, standen just in dem Moment, als ich von meinem Spaziergang zurückkam, ebenfalls bereit für ihre Überquerung. Am Ende schafften sie es aufgrund des beginnenden Schwindelgefühls nur bis zu einem Drittel. Gelegenheit genug, sich anschließend über Reisende und Pakistan zu unterhalten. Ergebnis: Die westliche Medienrepräsentation sei falsch und die Leute im Land überwiegend freundlich. Dem würde ich zustimmen.

Borit Lake Hunza

(Borith-See)

Ich schlug den beiden schließlich vor, hinauf zu einem Gebirgssee, dem Borith zu fahren. Zu Fuß würde es fast eine Stunde dauern, mit dem Auto höchstens zehn Minuten. Als ich mir vorab die Bilder angesehen hatte, war ich ehrlich gesagt nicht wirklich davon überzeugt, dass sich eine Wanderung lohnen würde. Aber ein Auto zur Hand, war ich dem Abstecher nicht abgeneigt und so eilten wir zu dieser weniger bekannten Attraktion.

Auch dort gab es ein paar Boote – in diesem Fall zum Rudern oder Treten. Die Online-Fotos, die ich noch im Kopf hatte, zeigten zumindest eine wunderschöne Spiegelung der schneebedeckten Berge auf der Wasseroberfläche. Bei unserer Ankunft wirkte der Ort dagegen eher etwas schlammig und grau.

Fazit: Kann man machen, muss man aber nicht. Im Sommer ist sicherlich mehr los und dann kann man auch in eines der dann vermutlich geöffneten Restaurants auf gegrillten Fisch einkehren. Zudem gibt es ganz schöne Ecken, um ein Zelt aufzuschlagen.

Passu Cones - Blick auf die Karakorum-Zacken

Mein Stopp bei den Passu Cones war eher ein absoluter Zufall. Schlechte Vorbereitung sorgte dafür, dass ich von diesen imposanten Felszacken gar nichts wusste. Nach dem Besuch an der Hussaini-Brücke und am Borith-See ließ ich mich auf dem Karakorum Highway absetzen und streckte den Daumen heraus. Dazu ein bisschen spazieren, die Landschaft genießen und siehe da, ein Kleintransporter hielt an und die Männer im Inneren zeigten auf die Ladefläche.

Passu Hitchhiking

(Per Anhalter über den Karakorum Highway)

In Nullkommanichts war ich aufgesprungen, klopfte am Blech, um meine Bereitschaft zum Losfahren zu signalisieren und schon ging es auf einen aufregenden Ritt über den Karakorum. Hinter einer Biegung erhoben sie sich dann: Die schroffen Spitzen, die auch als Passu Cones bekannt sind.

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(Passu Cones)

Und das Glück spielte mit. Am bestmöglichen Aussichtspunkt auf das Naturwunder fuhr der Laster plötzlich zur Seite und hielt an. Die Männer stiegen aus, ich blickte über die Ladeflächenbegrenzung hinweg und entdeckte: den platten Reifen.

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(Reifenwechsel)

Die Fahrer stellten laut bewegende, leicht psychedelische Musik an, ich sprang herunter und begann damit, das Panorama in mich aufzusaugen. Noch nie war ich so über eine zerstochenen Reifen erfreut. Beim Trampen in rauem Terrain passiert das sogar relativ häufig. Normalerweise aber nicht mit toller Aussicht. Theoretisch hätte ich auch einfach das nächste Auto nehmen können. Ich wartete aber brav und die Experten im Reifenwechseln waren mit ihrer Aufgabe schon nach 15 Minuten durch. Jetzt noch zwei/drei Kilometer mehr und wir waren bereits in Passu.

Morkhun/Jamalabad - klitzekleines Bergdorf

Einer meiner Couchsurfer hatte mir Jamalabad als kleinen Geheimtipp angepriesen und so bat ich auch die Fahrer, die eigentlich auf dem Weg nach Sost waren, mich genau an der Weggabelung abzuladen. Diese befindet sich in Morkhun nach der Brücke über den Shikarjerah-Fluss. Von hier aus geht es durch die wunderschönen Pappelwälder und einen holprigen Erdweg nach oben in den kleinen Weiler. Glücklicherweise bog genau in dem Moment, als ich den Berg hinauf laufen wollte, ein Kleintransporter ab, der mich direkt einlud.

Jamalabad

(Lokale Obstgärten in Jamalabad)

Nun ja, viel ist nicht los in Jamalabad. Aber von den mit trocknendem Heu beladenen Dächern der Steinhäuser heben sich die weißen Bergspitzen und die rötlichen Felswände am Hunzaufer ab. Alles auch noch im Kontrast zu den bezaubernden Bäumen – Ende des Jahres in ein gelb-rotes Blätterkleid gehüllt, das für aufregende Panoramen sorgt.

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(Jamalabad)

Mein Besuch in Jamalabad war denkbar kurz und sollte es auch sein. Wer Glück hat, trifft vielleicht noch auf einige Einheimische und wird zum Tee eingeladen. Zum Übernachten ist das Dorf relativ schlecht geeignet – zumindest habe ich keine offiziellen Unterkünfte gesehen. Dafür gibt es einige Optionen in Morkhun. Im Prinzip kann man nach einem kurzen Stopp aber auch weiter fahren und in anderen Orten wie Sost ins Hotel einkehren.

Khyber - guter Ausgangspunkt zum Wandern

Khyber ist ein ziemlich präsent gelegenes Dörfchen zwischen Sost und Passu, welches sich gut für einen Zwischenstopp eignet. Das von Wakhi und Burusho bewohnte Gebiet ist vor allem von Obstplantagen und Gärten geprägt. Natürlich genießt du hier auch den Blick auf die schroffen Bergspitzen von Kirilgoz und Shanoz.

Khyber

(Berge rund um Khyber)

Insgesamt ist die Lage ideal, um Ausflüge in die Umgebung zu unternehmen, von den umliegenden Wanderwegen bis hin nach Passu. Berühmt ist der Ort nicht zuletzt für den Shaujerab-Gletscher, der als lokale Attraktion gilt. Im Winter ist übrigens Jagdsaison, wobei Einheimische und Besucher vor allem Steinböcke erlegen. Einer der wenigen Orte in Hunza, wo das erlaubt ist und reguliert durchgeführt wird.

Wer durch die Gemeinde fährt, wird einige Homestays und Gästehäuser entdecken. Es ist also prinzipiell kein Problem, hier unterzukommen. Im Sommer ist es eventuell sinnvoll, frühzeitig eine Unterkunft zu buchen, da das Tal dann relativ voll wird.

Minapin Nagar - das Tor zum Rakaposhi

Historisch gesehen sind Minapin Nagar und der sich dort erhebende Berg Rakaposhi gar nicht Teil von Hunza. Hunza war bis in die 70er Jahre hinein ein Königreich und Nagar ein anderes. Das Nagar-Tal liegt direkt auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses und wird dabei klar von Hunza abgegrenzt. Wer von Nagar nach Aliabad reist, dem wird nachgesagt, nach Hunza zu fahren.

Rakaposhi

(Rakaposhi)

Minapin und Pissan kurz zuvor sind allerdings sehr schnell und einfach vom Karakorum Highway erreicht. Also wenn man nicht wie ich auf hoch zu Ross auf einem Backsteintransporter einreitet. Die Bauarbeiter waren so nett, mich direkt am Abzweig vom KKH aufzuladen und ich sprang entgegen der Bitten, doch lieber im Führerhaus Platz zu nehmen, hinten auf die aschgrauen Steine hinauf. Von hier aus genießt man nämlich einen herrlichen Blick, während sich das Gefährt langsam ruckelnd und zuckelnd auf den Erdpfaden vorankämpft.

Minapin

(Per Anhalter auf dem Backsteinlaster)

Zu sehen gibt es: Vor allem die schneebedeckten Gipfel der Rakaposhi-Kette und den 7.788 m hohen?? Rakaposhi selbst. Minapin Nagar ist somit ein perfekter Ausgangspunkt zum Wandern und Bergsteigen. Es dauert etwa drei bis vier Stunden, bis man zu Fuß im Basecamp ist. Zuvor eröffnen sich einem saftige Almwiesen mit kleinen Farmen und gezaubernde Wäldchen. Der erste Abschnitt ist zu Fuß relativ anstrengend, da man sich die Serpentinen bis zum Pass hinaufkämpfen muss.

Rakaposhi Track

(Steiler Wanderweg nach Rakaposhi)

Oder aber, man schnappt sich einen Jeep. Meine Idee, vielleicht auf halbem Weg ein Auto anzuhalten, erwies sich aber schon bald als unrealistisch. Eventuell ist in der Hochsaison mehr Verkehr auf dieser Strecke unterwegs. Ansonsten lassen sich natürlich auch noch Taxis und Touren organisieren, welche den Ausflug zum Rakaposhi abkürzen. Zurück ist man im Übrigen relativ schnell. Nach Minapin brauchte ich höchstens 90 Minuten, geplant hatte ich mit drei Stunden. Der ganze Ausflug lässt sich also in etwa fünf bis sechs Stunden meistern. Angesichts der schönen Natur und der Höhe spricht aber auch nichts gegen längere Pausen und stärkenden Chai im Basecamp.

Hiking Rakaposhi

(Kleines Tal vor dem Aufstieg zum Rakaposhi-Basecamp)

Sost - Das Tor nach Xinjiang

Sost ganz im Norden des Hunzatals ist das Tor zum Khunjerab-Pass und somit zur Grenze nach China. Dort befinden sich mit 4.693 m der höchste Grenzübergang und – warum auch immer erwähennswert – der höchste funktionierende Bankautomat der Welt. Von Sost bis zur Grenze sind es etwa 85 km, sprich 90 bis 120 Minuten Fahrzeit – und die ganze Anlage gilt als Attraktion für sich.

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(Chinesisch-pakistanische Grenze; Quelle: Wikimedia, Sheikh Danish Ejaz, CC BY-SA 4.0)

Sost selbst ist so ein typischer Handelsort, an dem LKW-Fahrer Stopp machen und Energie tanken, Import-Export-Unternehmen Waren umschlagen und verschiedene Kulturen aufeinander treffen. Neben lokalen Wakhi, Burosho, Shina und Balti begegnet man hier chinesischen Handelsreisenden, pakistanischen Truckern, afghanischen Arbeitern, badakhshanischen Handwerker – kurzum, eines dieser wundervollen, bisweilen rauen Drehkreuze, an denen sich die die Kulturen mischen.

Ja, vielleicht begeistert Sost nicht mit historischen Bauwerken oder spektakulärer Natur in unmittelbarer Nähe. Man spürt aber an jeder Ecke, das etwas im Gange ist und allein schon, in einem der Trucker-Restaurants zu sitzen und die Umgebung zu beobachten, kann sehr aufschlussreich sein: Mit welchem Habitus steigen die chinesischen Geschäftsleute hier ab, mit welchem Ansporn machen sich die Wakhi-Arbeiter auf dem Weg nach Xinjiang, mit was für einem Enthusiasmus putzen die pakistanischen Fahrer ihre kunterbunten LKW blitzeblank?

Trucks Pakistan

(Pakistan's Truck Art)

Die Trucks sind im Übrigen ein Grund für sich, um Sost zu bereisen. Diese sammeln sich am Eingang des Ortes rund um die Tankstellen und oberhalb der Gemeinde im Trockenhafen. Meine Empfehlung: Einfach ein bisschen umherspazieren und die aufregenden Designs der virtuos bemalten und geschmückten Fahrzeuge bewundern. Abgesehen von den feinen Ornamenten in kräftigem Pink, Neongelb und Himmelblau fand ich vor allem die Ketten mit Glöckchen, Lametta und dekorativen Silberkugeln faszinierend. Nachts werden die LEDs angeschaltet und die LKW erleuchten in den schönsten Farben. Warum das Ganze? Müsste man mal kulturiwissenschaftlich analysieren.

Truck Art Pakistan

(Truck Art in Pakistan)

Die Übernachtungsoptionen sind in Sost vergleichweise rar, aber sie existieren. Eine Nacht kostet im Schnitt zwischen 1500 und 3000 Rupees. Dabei gibt es einige Hotels, die sich eher an Roadtripper und Touristen richten und andere, die den Truckern vorbehalten sind. Warum es sich lohnt, noch etwas länger zu bleiben, ist ein Ausflug in das nahegelegene Chipursan-Tal, wo man vor allem auf die Wakhi-Bevölkerung trifft, die eine enge Verbindung mit der Kultur im afghanischen Wakhan-Korridor und deren Landsmännern im chinesischen Xinjiang hat.

Trucks Pakistan

(Weil's so schön ist: Noch mehr Truck Art)

Auch in der näheren Umgebung lassen sich einige Wakhi-Dörfer wie Hussainabad finden, die sich eventuell einfacher erreichen lassen. Für Chipursan solltest du nämlich mindestens eine Nacht einplanen, bevor es wieder zurückgeht. Wer sehr weit in das Tal hinein fährt, kann sogar einen ziemlich abgeschiedenen Sufi-Schrein, den Baba Ghundi Ziarat besuchen. Umgeben von den Bergen des Karakorum und nicht weit von der afghanischen Grenze entfernt atmet man hier mystisches Flair ein.

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(Blick auf Sost mit dem Hunzafluss und dem Chipursan links)

Auf der Sost gegenüberliegenden Hunza-Seite leben im Dörfchen Khudadad vor allem Burusho oder Hunzukuc, die einst aus der Gegend um Karimabad nach Norden gezogen sind. Auf einer Klippe sitzend und über den Fluss blickend, begegnete ich hier dem Besitzer eines Stückchens Land, der mir die Geschichte seiner Familie berichtete.

Seine Großeltern zogen einst unter harschen Bedingungen in die kargen Berge im Norden, ohne dass es hier damals Obstplantagen gegeben hätte. Die vorherigen Generationen lebten dabei noch unter dem Mir von Hunza, also innerhalb eines eigenständigen Königreichs. Heute wachsen hier vor allem Birnen, Äpfel, Walnüsse, Aprikosen und mehr. Zudem hat die chinesische Straße viel geändert und bringt auch mehr Touristen nach Sost. Für meinen Gesprächspartner Segen und Fluch zu gleich. Über Tee und Trockenfrüchten breitete er mir Denken und Seele aus, über China, Pakistan, Geschäfte und das Verschwinden seines Sohnes - das wäre aber eine ganz andere lange Geschichte.

*Ein Tipp für Kommunikation im Jahr 2024/2025: SCOM ist der wirkungsvollste SIM-Anbieter in der Gegend, mit einigen Abstrichen gefolgt von Telenor und Jazz. Auch wenn ZONG aktuell viel Werbung im Hunzatal macht – die SIM-Karten dieser Marke funktionieren hier überhaupt nicht..