Unterwegs im Barrio 23 de Enero in Caracas: zu Besuch bei den Anhängern von Chávez und Maduro
23 de Enero ist jetzt nicht vielleicht die Attraktion, an die man bei Caracas als erstes denkt. Ganz im Gegenteil ist diese Mischung aus Hochhausviertel und Armenhäusern eher berüchtigt – einst für Kriminalität und heute vor allem für die politisch motivierten Colectivo-Gangs. Dass sich hier die letzte Ruhestätte von Hugo Chávez befindet, ist kein Zufall. Von 23 de Enero startete er 1992 seinen ersten Staatsstreich und ihm sowie dem von den USA entführten Nachfolger Nicolás Maduro wird an jeder Ecke gehuldigt.

Kein Wunder also, dass es rund um die Januarereignisse 2026 etwas unruhig hier wurde. Mittlerweile ist die Stimmung in Venezuela etwas herunter gekocht und ich konnte 23 de Enero ziemlich entspannt im März 2026 besuchen. Hier ist, was ich entdeckt habe.
Was ist die Geschichte von 23 de Enero?
Das ursprüngliche Barrio rund um 23 de Enero bestand schon vor dem großen Wohnungsprojekt der rechten Regierung von Marcos Pérez Jiménez. An den Hängen im Westen von Caracas wuchsen die Häuser neu zugewanderter Arbeiter ziemlich willkürlich hinauf. Unter der Pérez-Regierung sollte dann eine massive Urbanisierung vorgenommen werden – und die Bauten in den Himmel schießen.

Verantwortlich für den damals noch Urbanization Diciembre 2 genannten Stadtteil war Guido Bermúdez, der sich sehr stark an den Ideen der Cité Radieuse von Le Corbusier orientierte. Es entstanden also dutzende Häuserblöcke, die alles beinhalten sollten, was man im Leben so braucht – von der Wohnung selbst bis hin zum Spielplatz und Laden vor der Haustür.

Ironischerweise erhielt das Viertel später den Namen 23 de Enero, also 23. Januar, an den Tag erinnernd, an dem Marcos Pérez Jiménez in einem Staatsstreich aus dem Amt geworfen wurde. Seither hat das Barrio einen deutlich linkeren Weg genommen. Es wurde zum Geburtsort des venezolanischen Socialismo und einem harten Kern der Bewegung von Hugo Chávez. Das spiegelt sich vor allem an den vielen Murals wider, die mit ihrem linken Eklektizismus stark an Orte wie die Bogside im nordirischen Derry erinnern.
Was gibt es im Barrio 23 de Enero zu sehen?
Im Barrio 23 de Enero gibt es einiges zu entdecken, vor allem linke Kultur, flankiert von klassischem Barrio-Flair und brutalistischen Wohnblöcken im Stil von Le Corbusier. Zwischen Kommunen und Graffitis befinden sich dann auch noch Militäranlagen sowie das Mausoleum von Hugo Chávez, das vormals als Militärmuseum diente.
Das obere Barrio – Territorium von La Piedrita und anderen Colectivos
Vom Plaza Bolívar in 23 de Enero geht es durch ein Tor mit der Aufschrift Comuna Socialista Simón Bolívar hinauf in die Oberstadt. Dieses Barrio ist relativ natürlich, aber auch chaotisch gewachsen. Hier wird man keine Wohnblöcke sehen, sondern willkürlich aneinander gebaute Häuser.

Der Bereich ist das Territorium mehrerer Colectivos, insbesondere der Gruppe La Piedrita, die das Areal durch Tags an den Häuserwänden für das ihrige erklärt. Auf dem Weg nach oben sieht man auch einige Graffitis, die vor allem Chávez huldigen. Die relativ arme Gesellschaft in 23 de Enero hatte anfangs noch von den Reformen profitiert und verherrlicht diesen Teil der Vergangenheit auf sehr nostalgische Art.

Aufgeteilt ist das Gebiet in sozialistische Kommunen, die sich selbst organisieren, von den Colectivos aber auch stark überwacht werden. Diese sollen einerseits die Kriminalität im Auge behalten, wurden aber auch übergriffig gegen Andersdenkende. Bei Demonstrationen gegen den Staat sind sie mehrmals gegen die Protestierenden aufgetreten, teilweise mit Todesfolge.

Insofern weiß ich nicht, wie klug es tatsächlich ist, von der Hauptstraße aus in die Viertel hineinzugehen. Immerhin, fragen kann man. Es gibt meist eine Schranke oder Absperrung, an der Colectivos in Zivil sitzen und Besucher kritisch prüfen.

Wenn man nach oben läuft, gibt es auf der linken Seite Wände mit größeren Chávez-Murals. Direkt dahinter befindet sich allerdings eine Militärkaserne, die wohl auch von den Amerikanern am 03. Januar 2026 angegriffen wurde. Insofern gilt: vorsichtig sein und nicht zu offen fotografieren.
Modernistische Häuserblöcke: von Le Corbusier zu sozialistischen Idealen
Die riesigen Wohnblöcke waren ein Projekt der architektonischen Moderne und sind in ihrer brutalistischen, wuchtigen Form eine Attraktion für sich. Sie erheben sich zwischen den klassischen Armenhäusern und bilden damit einen gewissen Kontrast. Irgendwann kam man auf die Idee, das alte Grau durch Farben zu ersetzen. Und somit unterscheidet sich jeder Block durch seine Muster. Die Quadrate wurden in Abstufungen eines Farbtons in Kombination mit Weiß gefärbt und erstrahlen heute mal Orange, mal Blau, mal Grün.

Was einst ein eher rechtsnationales Anliegen war, entwickelte sich über die Jahrzehnte hinweg zu einem Zentrum des Socialismo. Chávez fand hier schon 1992 bei seinem Staatsstreich Rückhalt und entsprechend haben sich auch in den Hochhäusern sozialistische Kommunen herausgebildet. Im Vergleich zu den Colectivos im oberen Barrio war es hier einfacher, hinter die Kulissen zu schauen und durch die unbewachten Eingänge zu gehen.

In den Höfen und an den Wänden wird man auch hier große Murals finden, oft von Che Guevara oder Chávez. Daneben sind sozialistische Slogans wie „Nosotros Venceremos“ („Wir werden siegen“) und die Namen der einzelnen Comunas sehr präsent. Somit sind die Wohnblöcke von 23 de Enero sowohl architekturhistorisch als auch kulturell interessant.

Linke Murals, von Che Guevara bis Bobby Sands
Wenn man sich in 23 de Enero so umschaut, wird man unweigerlich an andere linke Hochburgen wie die Bogside im nordirischen Derry erinnert. Auffällig ist vor allem der fast willkürlich wirkende linke Eklektizismus. Es scheint fast so, als würde man einfach alles, was auch nur annähernd antiimperialistisch ist, nehmen und großflächig an die Wände malen.

Während Che Guevara durch die Verbindung zu Kuba und selbst die IRA-Ikone Bobby Sands noch erklärbar sind, verwundern einen die Referenzen an Russland und Iran. Russland agiert in seiner deklarierten Einflusssphäre schließlich selbst imperial und Iran ist nicht sonderlich für seine feministische oder progressive Sozialpolitik bekannt. Das Nebeneinander von Chávez und Revolutionsgarden, Jesus und Imam Mahdi wirkt deshalb ziemlich bizarr.


Jedoch, es ist natürlich spannend, durch diese Straßenzüge zu schleichen und diesen Mix in Form von Straßenkunst in sich aufzunehmen. Man wird an großen Palästina-Support-Slogans ebenso vorbeikommen wie an einer Che-Guevara-Büste aus Bronze oder einer Wand, die iranische Militärs wie Qasem Suleimani ehren. Im Grunde genommen eigentlich alles, was gegen die USA ist, egal, wie links diese Gruppen tatsächlich orientiert sind.

Erinnerungen an Hugo Chávez – Murals und Schreine
23 de Enero war der Rückhalt für Hugo Chávez und der Ort, an dem er seine politische Karriere aufgebaut hat. Viele der Bewohner hatten seiner Zeit vom Wandel profitiert, mussten später aber auch unter den Wirtschaftskrisen leiden. Dennoch huldigt man ihm hier, was an den vielen Wandgemälden zu erkennen ist.

Vor seinem Mausoleum im Cuartal 4F gibt es eine sehr lange malerische Erzählung von Chávez Leben, die mit seiner legendären Ansprache nach dem gescheiterten Putsch 1992 beginnt: Er mit dem roten Barett auf dem Kopf ins Fernsehmikrofon sprechend. Einige Jahre später sollte er zum Präsidenten gewählt werden.

Am nahegelegenen Plaza 4F befindet sich ein weiteres imposantes Denkmal, ein weit in den Himmel ragender Obelisk aus rostigem Eisen. Direkt daneben zeigt die Statue von Hugo Chávez im Himmel. Der Wasserspeicher über dem angrenzenden Barrio trägt ebenfalls ein großflächiges Bild von ihm. Ein paar Meter weiter dann ein kleiner Schrein, der Chávez schon fast religiös überhöht. Er wird hier sogar als Santo, also Heiliger, bezeichnet.

4F – Hugo Chávez Mausoleum
Das Mausoleum von Hugo Chávez kann man schon von Weitem sehen. Es befindet sich in einem rot-weißen Komplex in exponierter Lage, in dem einst das Militärmuseum untergebracht war. Hier begann sein Staatsstreich am 4. Februar 1992 und der Ort wurde zu seiner letzten Ruhestätte. Der 4. Februar wird auch als 4F abgekürzt, weswegen der Ort genau diesen Namen trägt.

Wenn man hineinkommt, kann man direkt auf der rechten Seite eine Fotoreihe mit Erklärung zu Chávez Werdegang finden. Die obligatorischen aber kostenlosen Tourguides geben dazu auch weitere Informationen. Sie führen die Besucher auch zum Grabmal selbst und lassen es die Gäste in aller Ehrfurcht umrunden. Fotos dürfen hier offiziell leider keine gemacht werden.

Für einen Besuch ist keine Anmeldung erforderlich. Man kommt einfach zwischen Dienstag und Sonntag von 09:00 bis 16:00 Uhr vorbei, macht einen kurzen Taschencheck und kann kostenlos hinein – wohlgemerkt mit Begleitung. Nach etwa 10 bis 20 Minuten ist man im Prinzip fertig und kann noch schnell ein Foto vom Eingangsbereich knipsen.
Was ich ehrlich gesagt nicht gesehen habe, waren die Spuren der Angriffe. Angeblich flogen am 3. Januar 2026 nämlich auch einige Raketen auf den Mausoleumskomplex und die angrenzende Militärbasis. 3 Monate nach der Intervention der USA war davon aber nichts zu sehen.
Öffnungszeiten: Di.-So. 09:00-16:00 Uhr
Eintritt: kostenlos
Webseite: https://hugochavez.ve/cuartel-4f-ofrece-visitas-guiadas/
Bars am Bloque 40
Wenn man sich etwas unter die Bewohner von 23 de Enero mischen will, ist die Terrasse vor dem Bloque 40 ein gutes Ziel. Nach meinem zweiten Rundgang habe ich am Abend direkt dieses Gebiet angesteuert. Es reihen sich ziemlich viele kleine Vorort- oder eben Stadtteilbars aneinander. Ab 1 USD pro (kleinem) Bier kann man sich direkt an die Brüstung setzen und die Aussicht über die Wohnblöcke von 23 de Enero genießen.

Umso später die Stunde, desto voller wird es hier. Zuerst kommen Paare, die sich küssend in eine Flasche Whiskey oder Rum hineinteilen. Danach füllt es sich mit Gruppen, die wild diskutieren und schließlich zur lauten Musik tanzen. Eigentlich ist das die beste Voraussetzung, um schnell in Gespräche zu kommen.
Diesem Plan machte mir aber ein Baseball-Spiel einen Strich durch die Rechnung. Ausgerechnet zum Weltmeisterschaftsfinale zwischen Venezuela und den USA nur 3 Monate nach der Intervention in Caracas zu sein, war natürlich mehr als Zufall. Auf allen Bildschirmen flackerte das Match. Dass Venezuela dann auch noch gewann, löste riesigen Freudentaumel aus. Somit gab es eben weniger zu reden als zu feiern.

Support für Nicolás Maduro und Cilia Flores
Im Vergleich zu Chávez ist die Präsenz von Maduro in 23 de Enero etwas kleiner, jedoch, sie ist unübersehbar. Wie fast in der ganzen Stadt las man zumindest im Frühjahr 2026 Botschaften wie „Bring them Back” und „Free Maduro & Cilia”. Stencils mit seinem Konterfei sollen den ehemaligen Präsidenten ebenfalls glorifizieren.

Bei meinem Rundgang waren diese politischen Botschaften natürlich ein imposantes Zeitzeugnis. Es begannen sich aber auch erste Graffitis mit dem Namen von Delcy Rodriguez, der neuen Machthaberin von Gnaden der USA zu zeigen. Wer in einem Jahr in Caracas vorbeischaut, wird vielleicht gar kein Andenken mehr an Maduro finden. Ob man ihn wirklich zurück haben will, ist nämlich fraglich.

Die meisten Menschen, mit denen ich gesprochen habe, gingen von Verrätern aus und meinten, dass selbst die Machthaber kein Interesse an der Rückkehr hätten. Ebenso wenig wie das Volk selbst. So wird der entführte Maduro am Ende zu einer großen Narrative und Ikone für die nächste Elite oder eben vergessen.
Wie sicher ist es in 23 de Enero?
Im März 2026 war 23 de Enero weitgehend sicher. Kriminalität ist wie in anderen Landesteilen kaum zu spüren. Politische Gewalt im Moment ebenso wenig. Seit dem 3. Januar haben sich die Spannungen ziemlich beruhigt. Die Colectivos sind bereits durch die Straßen gezogen und haben überall ihre Botschaften hinterlassen. Abgesehen davon ist es aber überwiegend ruhig.

Trotzdem bin ich vorsichtshalber nicht ganz in die Viertel der Colectivos hineingegangen, obwohl ich denke, dass es auf direkte Nachfrage an den Toren möglich gewesen wäre. Wichtig ist es dabei, seine eigene linke Einstellung zu betonen und echtes Interesse am Aufbau der sozialistischen Kommunen zu vermitteln. Ich würde auf jeden Fall dazu ermutigen, es zu probieren. Bei den Zapatistas in Mexiko ist das z. B. überhaupt kein Problem.
Wer sind die Colectivos und können sie Besuchern gefährlich werden?
Die Colectivos haben mittlerweile eine ziemlich lange Geschichte. Die Gruppen haben sich als sozialistische Kollektive etwa in den 1960er Jahren herausgebildet und sind in den 1990er Jahren zur Basis der politischen Macht des Chavismus in Venezuela geworden.
Offiziell sollen sie die Kommunen von 23 de Enero sauber halten und Kriminalität verhindern. Andererseits wird ihnen nachgesagt, selbst im Drogenhandel und bei Diebstählen aktiv zu sein. Was vielleicht relevanter ist: Sie haben die politische Gewalt auf die Straße getragen. Bei den großen antistaatlichen Demonstrationen der Maduro-Ära waren sie maßgeblich daran beteiligt, Protestanten niederzuschlagen und zu töten. Dabei genossen sie Straffreiheit.
Allein im Barrio 23 de Enero gibt es Schätzungen nach mehr als 45 Colectivos. Zu den bekanntesten zählen, neben La Piedrita, Tupamaros, Tres Raices, Frente 5 de Marzo, Montaraz - Salvador Allende und Alexis Vive. Die Liste ist wirklich unendlich. Für ausländische Besucher scheinen die Colectivos in 23 de Enero aktuell keine Gefahr darzustellen. Das kann sich aber je nach politischer Lage schnell ändern. Deswegen sollten Touristen auch die Nachrichtenlage im Auge behalten und mit Locals über das Thema sprechen.
Wie kommt man zum Barrio 23 de Enero in Caracas?
Am einfachsten kommt man mit einem Motorradtaxi oder einem normalen Taxi ins Barrio 23 de Enero, denn damit lässt sich z. B. der Plaza 4F als meines Erachtens bester Ausgangspunkt für einen Rundgang gut ansteuern. Von hier aus ist das Mausoleum von Chávez schnell erreicht und man kann danach weiter in die anderen Viertel gehen.

Alternativ gibt es in der Nähe eine U-Bahn-Station, Caño Amarillo. Von hier aus ist es jedoch ein ganzes Stück hinauf auf den Hügel. Man sollte zu Fuß knapp 15 Minuten für die 900 Meter einplanen. Angesichts dessen, dass ein Moto-Taxi kaum mehr als 2 USD kostet, ist es das kaum wert. Die U-Bahn kostet allerdings nur ein paar Cents, die mit einer aufladbaren Karte bezahlt werden. Wer also auf Budget reist, will vielleicht eher diese Option wählen.