Als ich das erste Mal die Bilder von den grün bewachsenen Häusern im verlassenen Fischerdorf Houtouwan gesehen habe, wollte ich unbedingt dorthin. Dieser Lost Place liegt auf einer kleinen Insel namens Shengshan direkt neben Gouqi und ist somit relativ einfach von Shanghai erreichbar. Als 2024 der nächste Trip nach China anstand, war Houtouwan also direkt auf meiner To-do-Liste.

Aber um erstmal ein paar Dinge vorwegzunehmen …
Erstens: Wenn du nach Houtouwan reisen willst, solltest du unbedingt ein oder zwei Nächte auf Shengshan oder Gouqi einplanen. Die gesamte Tour dorthin dauert nämlich vier bis sechs Stunden. Daher hast du nicht genug Zeit, Houtouwan zu besuchen und die Fähre am selben Tag zurückzubekommen. Außerdem gibt es noch einige andere Sehenswürdigkeiten, die sich lohnen. Mehr über die Anreise nach Houtouwan, Shengshan und Gouqi findet ihr hier.


Zweitens: Houtouwan ist dann doch nicht das, was man erwartet. Es handelt sich nicht mehr um einen klassischen Urbex-Ort, in den man sich reinschleichen muss und wo man ganz allein umherirrt. Anders als z. B. in Fier in Albanien gibt es hier: ein Ticket-Office, Shops, Nudeln und heißes Wasser, Taxis, öffentliche Toiletten, Strom … Kurzum, es wurde formalisiert und ist jetzt eine chinesische Touristenattraktion.

Trotzdem lohnt es sich meiner Ansicht nach immer noch, Houtouwan zu besuchen. Wenn man ankommt, kann man sich direkt in die Geschichte des Ortes einlesen. Ein Schild am Eingang berichtet, dass Houtouwan mal ein florierendes Fischerdorf war und eine Zeit lang „kleines Taiwan“ genannt wurde. Die glorreichsten Zeiten seien wohl die 70er und 80er gewesen.
Was danach geschehen ist, bleibt etwas im Dunkeln. Die offizielle Narrative behauptet, dass die Menschen wegen „extrem ungünstigen Transportbedingungen“ weggezogen seien und das Dorf um 2002 komplett verlassen war.
Diese Version erwähnt nichts von schwindenden Ressourcen oder irgendwelchen Vorkommnissen. Radioaktivität kommt einem irgendwie sofort als Grund in den Kopf, vor allem mit Blick auf die ansonsten eigentlich recht guten Häuser – es ist eben doch etwas seltsam, dass alle Bewohner Houtouwans solche Gebäude nur wegen einer fehlenden Straße verlassen würden.

Einige der Häuser sind mehrstöckig und noch in gutem Zustand. Wenn man das mit anderen Lost Places mit einer ähnlichen Geschichte wie Gamsutl' in Dagestan oder Kadykchan in Kolyma vergleicht, sind diese Strukturen sogar wesentlich besser erhalten. Vielleicht hat aber auch die Überwucherung mit Pflanzen dazu beigetragen, dass die Fassaden vor der Witterung geschützt wurden, mehr als in den etwas kargen Landschaften des nördlichen Kaukasus und der russischen Taiga.

Um sich alles im verlassenen Fischerdorf Houtouwan anzuschauen, braucht man etwa 1-2 Stunden. Wenn du viele Fotos schießen willst, würde ich noch etwas mehr Zeit einplanen. Leider ist es nicht mehr möglich, in die Häuser hineinzugehen, und manche der Wege sind mit einem Verbotsschild blockiert.

Normalerweise würde ich trotzdem weiterlaufen und alles auskundschaften. In China gibt es aber so viel Videoüberwachung, dass ich mich dann doch an die offiziellen Wege gehalten habe. Auf den Pfaden kommen einem derzeit ziemlich viele lokale Touristen entgegen, aber zum Glück ist Houtouwan weitläufig genug, um immer noch ein paar Momente der Einsamkeit genießen zu können.


Zwei Highlights in Houtouwan sind der kleine Schiffsanleger und der Aussichtspunkt, der sich etwas weiter oben befindet. Während des Besuchs saß außerdem ein älterer Mann vor einem der Gebäude und verkaufte heißes Wasser, Nudeln, Getränke – Musik gab es gratis dazu. Alles ließ sich selbst in diesem verlassenen Ort in China mit Alipay oder WeChat (Weixin) bezahlen.

Wenn man das Fischerdorf Houtouwan verlässt, kann man nochmal einen Blick zurückwerfen und etwas Zeit im buddhistischen Tempel auf dem Hügel verbringen. Wer früh hierhin kommt, schafft es außerdem mit dem Taxi weiter zu den wunderschönen Klippen am östlichen Ende der Shengshan-Insel.
Es gibt auch ein paar kleine Ortschaften wie Shengshan in der Nähe der Sanjiaojang-Brücke nach Gouqi. Das ist z. B. ein strategisch günstiger Ort, um in Unterkünften wie dem Gouqi Shengshan Seaview Hotel (Anzeigelink) zu übernachten. Auf der Nachbarinsel kann man während der Saison Gouqi-Beeren pflücken und sich an den Stränden rund um Dawangcun entspannen.

Dort gibt es auch eine ganze Reihe an Restaurants mit regionalem Essen, einen Souvenirladen und sogar eine Rooftop-Bar namens Pillow Club. Wie die Shengsi-Insel werden Gouqi und Shengshan immer beliebter bei Touristen. Im August 2024 war es dennoch vergleichsweise leer und nicht so überlaufen. Wer das verlassene Fischerdorf Houtouwan mit echten Lost-Place-Vibes besuchen möchte, sollte sich trotzdem beeilen.
➜ Bereits jetzt gibt es einige Unternehmen, die mehrtägige Trips organisieren, bei denen auch im Fischerdorf Houtouwan angehalten wird, z. B. von der Beijing Capital Airline International Travel Company. Diese Touren bringen dich zu verschiedenen Orten auf dem Archipel und beinhalten Übernachtung und Essen. Folge einfach meinem Anzeigelink, wenn du mehr über dieses Angebot erfahren möchtest: 3-tägige Bootstour mit Shengsi, Gouqi, Shengshan, Meeresfarmen, Essen, Übernachtung und dem verlassenen Fischerdorf Houtouwan.