Wegen seiner wechselreichen Geschichte gilt das Kaschmir als gefährlich, ein Ort, an den sich Touristen besser nicht hinwagen. Kommst du aber einmal in die Gegend, eröffnet sich dir ein ganz anderes Bild. Vor allem die Region rund um die Hauptstadt Srinagar fasziniert mit atemberaubender Natur, wunderschönen Gärten aus der Mogulnzeit und sehr gastfreundlichen Menschen.

(Boot am Lake Dal, Foto: Markus Müller)
Die lokale Kultur hat sich vor allem rund um das Ufer und in enger Beziehung zum Dal-See entwickelt. Das Gewässer befindet sich im Zentrum des indisch besetzten Kaschmirtals und versorgt die Menschen mit frischem Fisch sowie einem Ort zum Leben. Als ich ankam, war der Dal-See mein erstes Ziel: Auf einem Hausboot fand ich Unterkunft, und das ist auch einer meiner 10 Gründe, warum man das Kaschmir besuchen sollte.

(Pari Mahal, Foto: Markus Müller)
1. Hausboote auf dem Dal-See
Auf einem Hausboot in Srinagar zu übernachten, ist eine aufregende Erfahrung. Dennoch sollte man sich wirklich einiger Nachteile bewusst werden, bevor man eine solche Unterkunft bucht. Die Preise können z. T. stark variieren, abhängig von der Jahreszeit und der Art des Zimmers. Als ich nach Kaschmir kam, stand der Winter bereits in den Startlöchern. Jeder beschwerte sich schon im Oktober darüber, dass es in den nächsten Monaten zu einem kompletten Stillstand des Lebens kommen würde, getrieben von Kälte, schwachen Heizungen und Stromausfällen.

(Quelle: Hayat Group of Houseboat, Booking.com)
Bereits im Oktober fallen die Preise deutlich. Für 8-11 Euro pro Nacht kann man schon ein ansehnliches Zimmer bekommen. Im Dezember liegen die Raten dann nochmals weit darunter. Weil die Gastgeber aber harte Monate vor sich haben, fragen sie direkt immer mal nach Trinkgeld oder versuchen allerhand Souvenirs zu verkaufen. Die Straßenhändler sind besonders pushy und stürzen sich gleich auf einen, sobald auch nur einen kurzer Blick auf die Waren fällt. Wer im Hotel kostenlosen Tee oder Kaffee bekommt, findet ihn am Ende möglicherweise doch auf der Rechnung wieder. Alles in allem ist dieses Verhalten schon verständlich, wenn auch etwas nervig. Immerhin überschreitet man irgendwann auch diesen Moment der reinen Handelsbeziehung und fängt an, etwas tiefgründigere Gespräche zu führen.

(Hausboot von innen, Quelle: S Group of Houseboat, Booking.com)
Das größere Problem mit den Hausbooten ist eigentlich, dass sie sich auf dem Wasser und nicht mal in der Nähe der Küste befinden. Das bedeutet, dass du ständig auf irgendeine Art von Wassertransport angewiesen bist. Viele Hausboote organisieren das natürlich. Alternativ muss man sich an die Shigaras an den Bootsstegen wenden. Und wer hier nicht gut verhandelt, bezahlt ziemlich viel. Aber selbst ohne diese Kosten leidet die Flexibilität sehr bei Übernachtungen im Hausboot. In meinem Fall musste ich spätestens 21:30 Uhr am Pier sein, um meine Fahrt zurück zu bekommen. Wer lieber ausgehen und sich zu einem ausgedehnten Abendessen mit Freunden treffen möchte, wird das kaum schaffen.

(Dal-See, Foto: Markus Müller)
Was als Problem hinzukommt, sind die in Kaschmir blockierten indischen SIM-Karten. Das erschwert die Kontaktaufnahme mit den Hausbootbesitzern. Am Ende musste ich immer erst zum benachbarten KFC und WLAN schnorren oder einen der Shigara-Bootsführer fragen. Und ist man dann endlich auf dem Hausboot, kommt man so schnell auch nicht mehr weg. Kurz im Shop vorbeizuschauen und Snacks zu kaufen, ist also nicht drin.

(Quelle: Best View Group of Houseboat, Booking.com)
Auf der anderen Seite zahlt sich das alles aufgrund der atemberaubenden Aussichten und der luxuriösen, aber gespenstischen Atmosphäre aus. Viele der Boote sind sehr alt und ihre Holzverkleidung knarrt. Die wertvollen Schnitzereien und die Leuchter sind auf jeden Fall etwas Besonderes. In den Badezimmern gibt es sogar fließendes, manchmal lauwarmes Wasser. Gegenüber den Hotels muss man aber eventuell ein paar Abschnitte beim Komfort machen.

(Hausboot am Dal-See)
Wenn die Temperaturen sinken, ist es schwer, sich auf den Hausbooten warm zu halten. Es gibt keine wirklichen Heizungen, u. a. wegen des Brandrisikos. Die beste Option ist es also, eine Decke nach der anderen über sich zu werfen und auf ein angenehmes Gefühl zu hoffen. Im Sommer dürfte die Situation anders sein, aber zu meinem Oktoberbesuch war die Kälte auf jeden Fall ein Problem.
Was man auf keinen Fall machen sollte: RAUCHEN. Bei meinem Aufenthalt habe ich so manche Geschichten von abgebrannten Hausbooten gehört. Grund waren oft respektlose Gäste, die trotz der Verbote auf den hölzernen Schiffen geraucht haben. Falls du nicht ohne Zigaretten kannst, könnte eine Übernachtung hier schwierig werden.
Vorteile:
✅ Tolle Aussichten
✅ Antike Atmosphäre
✅ Freundlicher Service
✅ Fließendes Wasser und Strom
Nachteile:
❌ Sehr unflexibel wegen den Bootshuttles
❌ Du kannst nicht einfach spontan zum Laden gehen
❌ Kalt im Herbst und Winter
❌ Gespenstische Geräusche und schwingende Leuchter (kann auch ganz cool sein, für manche ein Vorteil)
❌ Rauchen verboten (Falls du Zigaretten brauchst)
2. Chashma Shahi
Das Kaschmir-Tal hat wohl das perfekte Klima, um einige der schönsten Blumen der Welt aus dem Boden sprießen zu lassen. Die drei wichtigsten historischen Gärten, in denen du sie bewundern kannst, wurden bereits von den Moguln gegründet. Einer davon ist Chashma Shahi, eine Anlage, die um 1632 vom Herrscher Shah Jahan ins Leben gerufen wurde und nur einige Kilometer von Srinagar entfernt ist.

(Chashma Shahi, Foto: Markus Müller)
Von den Anlegestellen am Dal-See musst du erst einmal nur nach Osten fahren. Ich bin immer am Ufer entlang getrampt, bis ich zur Kreuzung von Boulevard Road und Chashma Shahi Road kam. Aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen, war mir dann nach laufen zu Mute und ich spazierte den gesamten Weg zur bekannten Attraktion. Kann vielleicht auch an meinem Bargeldmangel gelegen haben. Auf dem Weg kann man dann noch einen Abstecher zu den Botanischen Gärten mit ihren berühmten Tulpen machen. Selbst bin ich kein besonderer Fan dieser Pflanzen, also ließ ich den Garten links liegen. Wer sie aber liebt, wird hier seine wahre Freude haben.

(Srinagar Tulpengärten, Quelle: Aman Sachan, Wikimedia, CC BY-SA 4.0)
Von der Hauptstraße sind es etwa 2 km nach oben, also knapp 30 Minuten zu Fuß oder 5 Minuten mit der Rikscha. Irgendwie hatte ich sogar versucht, ein paar günstige Preise auszuhandeln. Die Fahrer wollten aber übertrieben viel Geld für die kurze Strecke haben. Abgesehen davon schien es zu Fuß dann doch einfacher zu sein, durch den Checkpoint zu kommen. Die Fahrzeuge wurden jedenfalls deutlich strenger kontrolliert.

(Chashma Shahi, Foto: Markus Müller)
Die Tickets für Chashma Shahi bekommt man direkt am Eingang. Für indische Staatsbürger ist das Ganze recht günstig, während Ausländer mehr abdrücken müssen. Klar, 300 Rupees, umgerechnet 3 Euro, sind jetzt nicht die Welt. Aber der Blick in meine sich schnell leerenden Taschen bereitete mir dann doch einige Sorgen.

(Chashma Shahi, Foto: Markus Müller)
Die Investition hatte sich aber insgesamt durch gelohnt. Bezaubernde Beete, Quellwasser und Springbrunnen gesellen sich zu einem herrlichen Blick über das Tal. Es gibt viele Einheimische, die hier ihre Picknicks veranstalten. Man kann sich manchmal dazu setzen und etwas quatschen. Abgesehen davon ist aber schnell alles abgegangen. Eine halbe Stunde reicht fast aus, um jede Ecke aus mehreren Winkeln zu betrachten. Wer Zeit hat, sollte sich aber durchaus setzen und das Grün in sich aufsaugen.
Location: Chashma Shahi
Eintritt: ca. 300 Rupees
Öffnungszeiten: Mo.-So. 09:00-17:00 Uhr
3. Pari Mahal
Von Chashma Shahi aus sind es nur knapp 2 km zu Pari Mahal. Ich dachte natürlich darüber nach, zu dem berühmten Aussichtspunkt zu wandern. Aber 2 km bergauf sind eben doch etwas anderes als 2 km geradeaus. Irgendwann gab ich also nach und sprang in eine vollgepackte Rikscha, in der Hoffnung, dass der Fahrer mir einen niedrigen Sharing-Preis machen würde. Am Ende verlangte er dann doch eine saftige Summe. Und so war mein Bares fast verbraucht.

(Pari Mahal, Foto: Markus Müller)
Eigentlich war der Besuch fast kostenlos, also aus Versehen. Auf dem Weg zu den Toiletten entdeckte ich nämlich eine ziemlich ansehnliche Terrasse, die ohne Ticket betretbar zu sein schien. Leider war es nur der Ausgang, der aus der Entfernung erstaunlich gut bewacht wurde. Ein Schrei ließ mich aufschrecken. Ich wurde zurückgewunken und zum Ticketschalter gebracht. Auch hier kostet der Eintritt 300 Rupees, die normale Ausländerrate. Eigentlich nicht viel, aber wenn keine Bankautomaten funktionieren, wird selbst diese kleine Summe zum Problem.

(Pari Mahal, Foto: Markus Müller)
Pari Mahal ist gerade im Vergleich zu Chashma Shahi auf jeden Fall den Preis wert. Der kleine Garten mit seinen Terrassen hat mich noch mehr begeistert als die vorherige Attraktion. Grund dafür ist auf jeden Fall die spektakuläre Aussicht, aus der Höhe komplett über den Dal-See, Srinagar und das Kaschmir-Tal hinweg.

(Pari Mahal, Foto; Markus Müller)
Genau wie Chashma Shahi ist Pari Mahal ein Erbe der Moguln unter Shah Jahan und eines der beeindrucksten Werke muslimischer Architektur auf dem heute von Indien beanspruchten Territorium. Die Anlage reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück und wurde in den 1640ern und 1650ern vom Sohn des Herrschers fertiggestellt.
Location: Pari Mahal
Eintritt: ca. 300 Rupees
Öffnungszeiten: Mo.-So. 09:00-19:00 Uhr
4. Nette Leute
Nach dem Besuch in Pari Mahal hatte ich kaum noch Geld in der Tasche und wollte nicht noch die letzten Reste für die Rikscha rauswerfen. Also lehnte ich alle Angebote dankend ab und begann nach unten zu wandern. Meine Idee: Irgendjemand wird schon vorbeifahren und mich mitnehmen. So lief und lief ich, zeigte ab und zu meinen Daumen heraus, aber irgendwie waren nur kommerzielle Fahrzeuge unterwegs.
Es war dann schließlich ein stehendes Auto, das meine Aufmerksamkeit erregte. In einer Kurve geparkt, senkte sich plötzlich das Fenster und zwei Männer baten mich freundlich, näher zu treten. Ein paar Sekunden später saß ich bereits im Auto und mir wurde eine Mischung aus Smirnoff-Wodka und Wasser eingeschenkt. Die beiden erklärten mir, dass sie heute einen freien Tag hätten und ihre Ehefrauen nichts von ihrem Hang zum Alkohol wissen dürften. Es sei ja schließlich haram.

(Im Auto nach Nishat, Foto: Markus Müller)
Und genau in diesem Moment rief, als hätte sie es geahnt, die Frau des einen Mannes an. Sofort musste Stille einkehren und selbst das Schlürfen des Getränks durfte keine verdächtigen Töne erzeugen. Etwas einfacher ging das mit dem Kaschmiri Fish & Chips mit unglaublich genialer Masala-Note aus dem Pappkarton. Als der Mann endlich seine Frau davon überzeugen konnte, dass er mit seinem besten Kumpel ja nur entspannend beim Tee im Mogulgarten säße, fing er an, mehr über sein Leben zu erzählen.
Er erklärte, dass er bei der Polizei arbeite und häufiger an der Grenze zu Pakistan patroullieren. Dann begann es, aus ihm herauszubrechen. Er beschwerte sich darüber, dass die indische Armee Beweisstücke fälsche, um lokale Teenager als Terroristen ins Gefängnis zu sperren. Später sollte ich ähnliche Geschichten beim Trampen vom Safrandorf Pampore zurück nach Srinagar hören. Der Polizist schlug sogar vor, mich zu den Grenzposten zu nehmen und mir das Vorgehen der indischen Soldaten zu zeigen. In der Tat sieht man sie an jeder Ecke, nicht nur an besonders relevanten Orten, sondern überall. Eine Machtdemonstration, wenn man so will.
Meine neue Bekanntschaft endete damit, dass ich den ganzen Weg von Pari Mahal hinunter zur Hauptstraße und weiter zu den Nishat-Gärten gefahren wurde. Parallel dazu wurde ich mit Getränken und Snacks versorgt, bis ich schließlich leicht beschwipst vor dem Eingang zum nächsten Pflanzenparadies stand.
5. Nishat-Gärten
So ein bisschen angetüdelt vom Wodka-Wasser-Mix stolperte ich nun durch diese Nishat-Gärten, für die jetzt wirklich mein letztes Geld drauf ging. Es reichte gerade so und eröffnete mir eine bezaubernde Welt an Beeten, Wasserkanälen und den Bergen des Himalayas. Die Wasserläufe wurden bereits im Jahr 1633 von Asif Khan, dem Schwiegervater des bereits erwähnten Shah Jahan, angelegt. Letzterer wurde daraufhin eifersüchtig und wollte den Garten für sich beanspruchen.

(Nishat-Gärten, Foto: Markus Müller)
Über die Geschichte des Gartens hätte ich vielleicht nie etwas gelernt, wäre ich auf meinem Rundgang nicht auf eine neue Person nach der anderen getroffen. Zunächst erzählte mir ein Englischlehrer von Vergangenheit und Gegenwart. Seine Schüler*innen fragten mich nach Selfies und so lauschte ich den Ausführungen über die Bedeutung von Nishat für die lokale Kultur, während der Nachwuchs für Fotos Schlange stand.

(Nishat, Foto: Markus Müller)
Für Lehrer und Kinder war es natürlich die perfekte Gelegenheit, um Englisch zu üben und mit den eigenen Fähigkeiten voreinander anzugeben. Am Ende gab es noch ein großes gemeinsames Foto, Kaschmiris sind wirklich verrückt danach.

(Mit Lehrern und Schüler*innen Nishat, Foto: Markus Müller)
Der eine Englischlehrer lief mit mir noch weiter herum und erzählte mir, dass es in seiner Schule gemischte Klassen gäbe. Mädchen müssten hier auch keine Haare bedecken, das wäre eher eine persönliche Angelegenheit und kommt vergleichsweise selten vor.
Noch als er das sagte, zeigte er hinüber auf die andere Wiese. Dort hatte er ein traditionelles Wazwaan-Fest ausgemacht, ein kaschmirisches Essen mit über 30 verschiedenen Gerichten, das von größeren Gruppen ausgiebig genossen wird.

(Traditioneller Kupfertopf mit Rista-Fleischbällchen, Quelle: mir.owais, Flickr, BY-NC-SA 2.0)
Mein temporärer Begleiter begann zu gestikulieren und winkte einige der Männer vom Fest herüber. Eine Sekunde später hatte ich einen in rote Soße gehüllten Fleischklops in der Hand und manövrierte ihn mir irgendwie in den Mund: Würzig, safranlastig und klebrig an den Händen!
Der anderen Gruppe war das aber längst nicht genug. Sie luden mich direkt zu ihrem Picknick ein, erneut eine Gruppe Lehrer, dieses Mal aber ohne Kinder. Sie nutzten ihren freien Tag einfach dazu, um unter Kollegen gutes Essen zu genießen. Und mit einem deutschen Reisenden Gespräche über Islam, Kommunismus, Marx und Feminismus zu führen.

(Wazwaan-Essen in Srinagar, Foto: Markus Müller)
Während der Englischlehrer von vorhin bereits den Heimweg antrat, wurde ich mit philosophischen Gesprächen und Essen in die neue Gruppe integriert. Einer der Lehrer war besonders von Karl Marx angetan. Ich, etwas verwundert, stieg sofort darauf ein. Schließlich kamen mehr Kollegen hinzu, vom Sportlehrer bis hin zum Direktor, und unwillkürlich schwenkte die Diskussion zu den Frauenrechten im Islam.
Ganz ungeplant und angeschwipst geriet ich da hinein. Es bildeten sich Fraktionen um die Frage, ob sich Frauen scheiden lassen können sollten oder nicht. Wir sammelten Argumente zusammen und ich präsentierte konkrete Fälle, in denen selbst unter konservativer Ansicht ein solches Recht eingeräumt werden müsste. Einige waren strikt dagegen und hoben den finanziellen Aspekt hervor. Wie sollten die Frauen denn alleine mit den Kindern und ohne Versorger leben? Im Kontext der Region vielleicht eine berechtigte Frage.

(Philosophische Debatte mit kaschmirischen Lehrern, Foto: Markus Müller)
Das Hauptargument der Scheidungskritiker war letztlich, dass es im Kaschmir gar kein funktionierendes Support-System gäbe, Frauen also weder finanzielle Unterstützung noch Arbeit finden könnten. Andere hatten eher die Religion im Kopf, wobei das längst kein rein islamisches Merkmal ist. Später lernte ich in Amritsar Hindus kennen, die genau dieselben Argumente vorbrachten.
Natürlich war es unmöglich, diese Diskussion zu aller Zufriedenheit zu klären. Die unterschiedlichen Sozialisierungen bringen einfach andere Ideenmuster hervor. Aber immerhin lässt sich ein durchaus spannender Austausch aufbauen, der sich auch innerhalb des kulturellen Kontextes führen lässt. Und während das Lehrerkollektiv vielleicht etwas von meinen Ansichten mitgenommen hat, konnte ich einen Eindruck davon bekommen, wie man in Kaschmir über Geschlechterrollen und das Leben an sich denkt.
Location: Nishat-Gärten
Eintritt: ca. 300 Rupees
Öffnungszeiten: Mo.-So. 09:00-19:00 Uhr
6. Wazwaan-Essen
Dieses kleine Wazwaan-Picknick-Erlebnis öffnete mir die Augen und führte mich in die Geheimnisse der kaschmirischen Küche ein. Sie unterscheidet sich deutlich von indischen Traditionen und besteht wesentlich stärker aus gegrilltem Fleisch sowie herzhaften Soßen. Ein echtes Wazwaan-Mahl besteht dabei aus mehreren Gängen, insgesamt 36. Getragen wird es vor allem von Lammfleisch und Hühnchen. Bei so einem Festmahl lassen sich die Spezialitäten der Himalaya-Region also am besten kennenlernen.
Um 36 Speisen zu verschlingen, braucht man natürlich Zeit und Leute. So sitzt man mit einer großen Gruppe zusammen und teilt sich meist zu viert in einen Teller oder eine der Traem-Kupferschüsseln hinein. Zunächst werden die Hände gewaschen, dann die verschiedenen Gerichte nach und nach zu den Essenden gebracht. Als erstes gibt es für gewöhnlich eine ordentliche Portion Reis, auf der sehr akkurat zwei Spieße mit Kebab platziert werden.

(Quelle: wazwanksa.com - https://wazwanksa.com/, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=162513225)
Im Anschluss kommen weitere Spezialitäten wie Methi Korma, die stark gewürzten Hammelinnereien, in Ghee gebratene Lammrippchen, Hühnchen in weißer Sauce und in Safran auf den Tisch. Als Beilage werden erfrischende Dips wie Joghurt und Chutney gereicht.

(Rista-Fleischbällchen, Foto: Markus Müller)
Mein persönlicher Favorit waren aber die Fleischbällchen, die aus dem Kupfertopf direkt auf dem Teller (oder halt in meiner Hand) platziert werden. Es gibt dabei eine Version, die sich Rista nennt und in einer rötlichen Soße mit starken Aromen an Paprika, Fenchel und Safran geköchelt wird. Genau dieselben Fleischbällchen können alternativ in weißer Joghurt-Sauce zubereitet werden. Diese "Gushtaba"-Variante sollte ich erst ein Jahr später im pakistanisch verwalteten Teil des Kaschmirs probieren. Und irgendwie erinnerten sie mich an Königsberger Klopse. Das sagt bereits viel über die geschmackliche Ausrichtung der Kaschmir-Küche aus, sie ist nämlich deutlich weniger scharf als in Indien oder Pakistan.

Gushtaba (Quelle: wazwanksa.com - https://wazwanksa.com/, CC BY-SA 4.0)
Natürlich habe ich es nicht geschafft, alle Gerichte auszuprobieren, aber die meisten der verkosteten Speisen hatten sehr herzhafte Noten, wobei Safran naheliegender Weise den Hauptton angibt. Daneben spielen Kardamom, Koriander und Milch eine wichtige Rolle im geschmacklichen Orchester.

(Goshtaba, Quelle: wazwanksa.com - https://wazwanksa.com/, CC BY-SA 4.0)
Leider gibt es in Srinagar keine Miniversionen des Wazwaan, die beste Chance ist es also, sich von irgendjemanden auf ein Fest einladen zu lassen. Das ist angesichts der Kontaktfreudigkeit der Menschen vor Ort nicht mal so abwegig. Alternativ bieten die Restaurants auch einzelne Speisen an, so dass man sich ein paar kleinere Portionen aussuchen kann. So konnte ich später auch mein Wissen zu den Fleischklopsen im Kaschmir ausbauen.
7. Shalimar-Gärten
Die Shalimar Gärten sind die dritten großen Anlagen aus der Moguln-Epoche, die man rund um Srinagar entdecken kann. Sie wurden um 1619 errichtet und gehören zu den eindrucksvollsten Konstruktionen dieser Art auf dem Subkontinent. Von den Nishat-Gärten ist es ziemlich einfach, nach Shalimar zu fahren. Mit dem Bus oder Auto sind es gerade einmal fünf Minuten für die knapp 3 km.

(Quelle: ANSAR AHMAD, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=72942884)
Für mich war dieser Garten aber wirklich zu viel. Zunächst einmal musste ein funktionierender Geldautomat her und zweitens hatte ich an einem Tag schon so viele Gärten gesehen, dass ich diesen ohne Probleme skippen konnte.
Vom Herrscher Jahangir geschaffen, könnte Shalimar für andere Besucher aber trotzdem interessant sein. Was hier besonders bezaubernd sein soll, ist der marmorne Pavillon auf einem der Teiche. Zu Zeiten der Moguln diente er wohl als Harem, den nur der Herrscher und seine Entourage betreten durften. Die Sikh-Maharadschas verwandelten ihn dann in ein offizielles Gästehaus.
Location: Shalimar-Gärten
Eintritt: ca. 300 Rupees
Öffnungszeiten: Mo.-So. 09:30-18:30 Uhr
8. Hazratbal-Schrein
Nach so vielen Bienen und Blumen wollte ich endlich einen anderen Teil der kaschmirischen Kultur entdecken. Spätestens zum Sonnenuntergang wollte ich also am Dal-Ufer sein und mir den muslimischen Hazratbal-Schrein ansehen. Gemeinhin auch als Dargah Sharif bezeichnet, handelt es sich um eines der wichtigsten Sufi-Heiligtümer im Kaschmir. Bis heute beherbergt es, so der Glaube, ein Haar des Propheten Mohammed.

(Dargah Sharif, Foto: Markus Müller)
Der Schrein wurde bereits um 1634 errichtet, also ebenfalls unter der Herrschaft der Moguln. Später wurde er erweitert und erhielt im Jahr 1979 seine heutige Form. Die Reliquie im Inneren soll von einem der Nachkommen von Mohammed aus Medina nach Srinagar gebracht worden sein. Das geschah der Legende nach, aber erst im 17. Jahrhundert.
Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich diesen heiligen Ort als Nicht-Muslim überhaupt betreten dürfte. Dennoch machte ich mich auf den Weg und fuhr mit der Sammelrikscha – unterdessen hatte ich irgendwo Bargeld gefunden – die 6 km von Shalimar aus nach Hazratbal. Ich sprang fast genau auf der gegenüberliegenden Seite des Dal-Sees aus dem Fahrzeug. Da sich die Straße hier Hazratbal Road nennt, schien sich das Heiligtum irgendwo in der Nähe zu befinden. Trotzdem musste ich schon eine Weile suchen und nach etwa 10 Minuten war ich endlich am Eingang, wurde hier direkt von einer Gruppe Studenten begrüßt.

(Mit Studenten am Dargah Sharif, Foto: Markus Müller)
Zwei Studenten kamen mir besonders schwungvoll entgegen und bestanden darauf, mit mir Fotos zu machen. Sie erzählten mir von ihren Träumen und dass sie irgendwann aus dem Kaschmir raus wollten, um Europa zu erkunden. Dennoch hoben sie die Wichtigkeit der lokalen Kultur für sie noch einmal hervor. Ich fragte sie dann, ob ich den Schrein als Ausländer und Nicht-Muslim besuchen könnte. Sie ermutigten mich und sagten, die Leute hier wären ziemlich freundlich. Genauso war es dann auch. Ich musste nur meine Schuhe ablegen und konnte dann auf dem Boden der Moschee kontemplieren. Das geheimnisvolle Haar bekam ich allerdings nicht zu sehen.

(Blick auf den Dal-See, Foto: Markus Müller)
Und so verließ ich Dargah Sharif durch die andere Tür, wo mir das sich auf dem See spiegelnde Abendlicht entgegen schien. Dahinter erhoben sich die Berge des Himalayas. Auf der Wasseroberfläche schwebten die Gondeln vorbei und die Vögel setzten laut zu ihrem Nachtgesang an. Ich setzte mich also hin und genoss noch einmal den Blick über den See, bevor ich schließlich zufrieden die Rikscha zurück zu meiner Anlegestelle und meinem Hausboot nahm. Ein ziemlich runder Tag mit vielen auf eigene Faust entdeckten Attraktionen ging zu Ende.
Location: Dargah Sharif Hazratbal
Eintritt: kostenlos
Öffnungszeiten: Mo.-So. 09:00-17:30 Uhr
9. Safran
Vor etwa 15 Jahren hatte ich eine Idee. Ich erfuhr erstmals vom Safran, diesem wertvollen Leichtgewicht unter den Gewürzen. Es ist ideal zum Färben von Reis und für einen speziellen Twist bei Lassis geeignet, in höheren Dosen tödlich und war früher ein geheimes Abtreibungsmittel. Ich hatte versucht, diese kleinen Fäden an verschiedenen Orten auf der Welt zu kaufen, um mir ein Geschäft als Safranhändler aufzubauen. Es scheiterte, wieder und wieder. In Indien konnte man damals eigentlich keine echten Safranfäden als Tourist bekommen und auch in Marokko wurde man nur hinters Licht geführt.
Die meisten Angebote in Rajasthan waren ganz dreist gefälscht. Teilweise noch nicht einmal das: Die Händler verkauften einfach Färberdistel (Safflower), eine komplett andere Pflanze. Angeblich werden einige der Fäden sogar komplett künstlich hergestellt und rot bemalt. Das machte es eigentlich unmöglich, richtigen Safran zu finden. Doch auf einmal, plötzlich im Mutterland der Krokusse, im Kaschmirtal, angekommen, flammte meine alte Leidenschaft wieder auf. Vielleicht würde es ja hier klappen.

(Safran aus dem Kaschmir, Foto: Markus Müller)
In Srinagar sagte mir jeder, dass ich nach Pampore müsse, ins Zentrum der Safranproduktion. Leider war die Saison selbst schon vorbei. Die Felder sahen also eher braun und karg aus, alles andere als farbenprächtig und bunt. Dennoch konnte ich einige der Shops besuchen und mehr über die Pflanze erfahren.
Von der Bushaltestelle neben Jan Bakers in Srinagar ging die Fahrt los. Leider stieg ich viel zu früh aus, weil der Begriff Zaffron Colony schon ziemlich nach meinem Ziel klang, es am Ende aber nicht war. Nur Wohnhäuser und nichts mehr. Vermutlich erbaut aus den Einnahmen des Safranhandels.
Nach ewigem Suchen kam irgendwann ein Taxi aus dem Nichts und brachte eine Dame zu ihrem Ziel. Der Fahrer bemerkte meine allgemeine Verwirrung. Also hielt er an, lud mich ein und erklärte mir, dass es aktuell eigentlich nichts zu sehen gäbe. Trotzdem wollte er mich zu den Produktionsstätten und Shops bringen, wo das aromatische Gold verkauft werde.
Und so fuhren wir an den vollkommen leeren Safranfeldern Pampores vorbei und landeten schließlich bei einer kleinen Manufaktur auf der Safranstraße NH 44. Genau das sei der Ort, meinte er, wo originaler Safran (vermutlich, hoffentlich) verfügbar sei. Bei seinem Cousin oder Onkel oder Bruder breitete man mir die Fäden aus, zeigte die Tests, redete nicht herum und nannte mir den Preis: 10 Gramm für 30 Euro, ein guter Deal, aber trotzdem nicht hundertprozentig überzeugt, dass alles echt war.
Falls du dir genauso wie ich unsicher bist, dann gibt es ein paar Tricks wie man Safran auf Echtheit prüfen kann:
✅ Safranfaden in Wasser legen und es sollte sich langsam orange-gelblich färben (falscher Safran färbt das Wasser sofort, schnell und oft rot)
✅ Die Fäden sollten im Wasser intakt bleiben und nicht zerfallen
✅ Safran schmeckt etwas bitter und blumig (gefälschter Safran oft metallisch und süß)
✅ Safran hinterlässt gelbe Flecken auf Papier, gefälschter eher rote
✅ Safranfäden gehen immer trompetenartig auseinander
Nachdem ich meine Portion Safran ergattert hatte, ging es zurück auf die Straße und per Anhalter nach Srinagar. Was sonst nur 30 Minuten dauern würde, nahm beim Trampen über eine Stunde in Anspruch. Mehrmals musste ich die Lastwagen wechseln und fand irgendwann nach Sonnenuntergang endlich eine Fahrt zum Dal-See. Auf dem Weg dorthin hatte ich die Gelegenheit, mir das anzuhören, was die lokalen Fahrer zu erzählen hatten. Und wieder gab es nur Beschwerden über die indischen Besetzer. Vorsichtig flüsternd, aber froh, sie teilen zu können, berichteten sie mir von ihren alltäglichen Sorgen: Wasser, Strom, ständige Überwachung.
Location: Pampore
10. Kaschmirwolle
Ein weiteres beliebtes Produkt aus der Region ist die legendäre Kaschmirwolle. Sie wird von den Kaschmir- und Pashmina-Ziegen gewonnen, aus einer Mischung deren Unter- und Deckhaares. Daraus entstehen einzigartige Stoffe, die einen warm halten und sich unglaublich weich anfühlen. Die Fasern werden meist zu Schals oder anderen Textilien mit fast psychedelisch wirkenden Mustern verwoben.

(Pashmina aus Srinagar, Foto: Markus Müller)
In Srinagar reiht sich ein Kaschmirwollshop an den anderen. Im Zentrum ist es dabei wahrscheinlicher, das authentische Produkt zu bekommen, während die Straßenverkäufer oftmals gefälschte Ware ohne Label anbieten. Die Authentizitätszertifikate werden angeblich vom indischen Staat vergeben, aber selbst sie sind nicht fälschungssicher. Entsprechend sollte man hier immer vorsichtig sein und eventuell genau testen, ob es sich um echte Kaschmirwolle handelt.
Mit Respekt im Kaschmir reisen
Das Kaschmir ist eine sehr spezielle Region. Einst war sie ein unabhängiger Staat, bevor sie in den Wirren der Teilung des Subkontinents zwischen Indien und Pakistan zerrissen wurde. Der Maharadscha von Srinagar, ein Sikh namens Hari Singh, gab das Tal einfach an Indien, ohne auf die ethnische und religiöse Zusammensetzung des Landstrichs zu achten. Und damit begannen all die Probleme. Im Oktober 1947 kam es zum ersten indisch-pakistanischen Krieg.
Heute leben die Kaschmiris auf der indischen Seite meist in Armut. Der Staat schaltet regelmäßig Elektrizität und Wasser ab, was gerade im Winter zu schwierigen Situationen führt. Während der Touristensaison versuchen die Menschen vor Ort daher schnell so viel Geld wie möglich zu machen, argwöhnisch beobachtet von den indischen Soldaten, die an fast jeder Ecke patrouillieren.
Wenn Kaschmiris also nach mehr Geld fragen, als man erwarten würde, haben sie einen guten Grund dafür. Die meisten Hausboote müssen z. B. ständig in Stand gesetzt werden. Zudem kommen immer wieder respektlose Reisende an Bord und verursachen Unfälle, bei denen teilweise ganze Schiffe durch eine einzige Zigarette abbrennen.
Der letzte Konflikt mit Pakistan im Mai 2025 hat die Situation noch verschärft, weswegen es ratsam ist, sich bei Unterkünften und Essen an die lokale Bevölkerung zu halten. Indem man die großen indischen Agenturen und Hotels meidet, kann man so die eigentlichen Menschen vor Ort unterstützen.