Eines der industriellen Zentren des kommunistischen Albaniens unter Diktator Enver Hoxha war Fier, eine Stadt und ein Qark (Distrikt), der sich im Herzen des Landes befindet und somit optimal an alle Regionen angebunden ist. Straßen und Eisenbahnen kreuzen sich hier, weswegen an diesem Punkt ein riesiger industrieller Sektor entstanden ist. Was einst blüte, ist heute verlassen und lädt zu Urbex in Albanien ein.

(Kraftwerk von Fier, Foto: Markus Müller)
Wie die Geschichte es wollte, dauerte das wirtschaftliche Wachstum nicht für immer an. Heute ist Fier ein verlorener Ort. Der riesige Industriekomplex mit seinen hohen Türmen liegt mittlerweile brach. Heute dient er als Kulisse für Menschen, die daneben auf ihren Farmen arbeiten, Truthähne zusammentreiben oder in der Kafana ihren Rakija schlürfen.
Für Urbex-Fans ist Fier dagegen eine echte Traumdestination, da sich hier einer von Europas größten und imposantesten Lost Places erkunden lässt. Zusammen mit Freunden kam ich mitten in der Corona-Pandemie hierher, um mich etwas von den strikten Regelungen in Mitteleuropa zu erholen. Umso mehr Freiraum hatten wir hier, um ganz gemütlich durch die verlassenen Orte zu schlendern und anschließend in den Kneipen Essen und Wein zu genießen.
Albaniens verlorener Ort: Was gibt es in Fier zu sehen?
Wer sich durch Fier bewegt, kann die riesigen Schornsteine eigentlich nicht übersehen. Wir fuhren direkt mit dem Mietwagen dorthin und fanden unser Ziel nach wenigen Minuten. Am auffälligsten ist wahrscheinlich das von Chinesen gebaute Kraftwerk, das einst das größte seiner Art in Albanien war. Die mächtigen Kühltürme galten als Zeugen der industriellen Entwicklung im einstigen sozialistischen Land. Später mussten sie den Untergang miterleben. Sie bilden heute eine gespenstische, fast dystopische Atmosphäre, während die Bauern daneben in aller Ruhe ihre Felder bestellen.

(Kühlturm und Öltank, Foto: Markus Müller)
Über die weiten Felder liefen wir direkt auf diese Monolithen aus Beton zu. Zwischen diesen offenen Trägern unterhalb der Türme zu stehen, hinterlässt besonders intensive Eindrücke. Wenn man nach oben blickt, spürt man die ganze Größe dieser Anlagen.

(Wasserbassin unter einem der Kühltürme, Foto: Markus Müller)
Neben diesen Betonbauten lassen sich aber noch weitere Konstruktionen, vor allem die vielen Rohre und Abgasöffnungen aus Metall, entdecken. Wenn man weiter zur Ölraffinerie geht, fallen die kugelförmigen Tanks auf, natürlich ebenfalls alle leer und verlassen.

(Öltanks in Fier, Foto: Markus Müller)
Ein weiteres Highlight ist die Düngerfabrik am nördlichen Ende des Industriekomplexes. In den 1960er Jahren erbaut, blieb dieser Teil noch bis in die 1990er hinein in Betrieb. Für eine Zeit lang übernahmen chinesische Firmen das Geschäft und nutzten Erdgas sowie Dampf, um die künstlichen Düngemittel herzustellen. Doch auch diese Tätigkeit endete irgendwann.

(Düngerfabrik, Foto: Markus Müller)
Das beeindruckendste Merkmal dieser Fabrik ist sicherlich der Absorptionsturm, der mit seiner schieren Größe alles andere überragt. Der Eingang ist offen und man kann einfach die etwas fragilen Treppen ohne Geländer hochlaufen. Das ist vielleicht nichts für Menschen mit Höhenangst, prinzipiell aber leicht machbar. Ich schaffte es Schritt für Schritt nach oben und wurde von einer tollen Aussicht belohnt. Und dann gibt es noch das kleine Loch im Obergeschoss. Ich blickte hindurch und erkannte die ganze Leere des Inneren, vielleicht Tausende an Kubikmetern nichts bis hin zum Boden.

(Blick vom Absorptionsturm, Foto: Markus Müller)
Alles in allem ist der Industriekomplex in Fier einer der beeindruckendsten Lost Places auf dem Balkan, fast wie die ehemalige Militärinsel Sazan oder die Bobbahn in Sarajewo. Für einen Besuch solltest du einiges an Zeit einplanen. Ich empfehle, mindestens zwei bis drei Stunden hier zu verbringen. Wer den Absorptionsturm hochklettern möchte, braucht noch länger.
Wie kommt man nach Fier, Albanien?
Die Industrieanlage von Fier, einer der beeindruckendsten Lost Places auf dem Balkan, befindet sich natürlich nicht im Stadtzentrum, sondern breitet sich eher entlang der südlichen Grenze des Ortes aus. Über die E853 (Rruga Unaza Nuredin Aliu) kommst du direkt zum Kraftwerk. Vom Zentrum aus befindet sich der Urbex-Ort linkerhand.
Einmal angekommen, muss man in eine der kleinen Seitenstraßen einbiegen und an den Farmen vorbeifahren. Schließlich erscheinen die Ruinen und das weitestgehend verlassene Areal. Hat man alle seine Fotos gemacht, kann man noch in einer der Kafanas an der Hauptstraße vorbeischauen. Hier gab es neben gutem Weißwein und Kebab auch erstaunlich viele vegetarische Gerichte wie Fërgesë oder gefüllte Auberginen.

(Albaniens berühmte Bunkeranlagen, Foto: Markus Müller)
Natürlich lohnt sich danach auch ein Ausflug zur Küste. Fier befindet sich direkt zwischen wichtigen Orten wie Vlorë und Durrës. Dort trifft man allzu oft auf die legendären pilzförmigen Bunker, die Enver Hoxha einst dem Land hinterlassen hat. Mehr darüber erfährt man z. B. im BUNK'ART 1 Museum in Tirana und auf der Militärinsel Sazan.
Lust auf mehr Texte zu Urbex? Hier geht's zum Nördlichen Busbahnhof in Armeniens Hauptstadt Jerewan und zum verlassenen Fischerdorf Houtouwan in China.
Location: PG2W+FH7, Road, Fier, Albania