Urbex Armenien: Jerewans Nördlicher Busbahnhof und seine brutalistische Schönheit


Dieser Busbahnhof war ein absoluter Zufallsfund. Nun muss man erst einmal sagen, dass die Sowjetunion den Hang dazu hatte, ihre Ideologie architektonisch selbst im Kleinsten auszudrücken. Das spiegelt sich bis heute in extravaganten Bushaltestellen irgendwo in der ukrainischen oder sibirischen Steppe wider. Bei größeren Verkehrsdrehkreuzen wurde noch mehr in die Tasche gegriffen. Das zeigt der nördliche Busbahnhof in Jerewan, heute weitestgehend verwaist und weit am Stadtrand gelegen, dafür aber ein brutalistisches Meisterwerk, in dem Farben, Formen und Licht ineinanderwirken.

Yerevan

(Foto: Markus Müller)

Nach meiner Ankunft in Jerewan wollte ich eigentlich direkt wieder aus der Stadt verschwinden. Die Stadt ist etwas drückend und ein Bekannter war schon vor mir ins bezaubernde Dilidschan geflüchtet, um frische Luft zu schnappen. Ich sollte ihm nach meiner Landung mit dem Flieger und einer Nacht am Airport folgen, und so brachte mich das Schicksal zu besagter Station.

Der nördliche Busbahnhof von Jerewan und seine modernistische Architektur

Yerevan Bus Station

(Picture: Markus Müller)

Als ich ankam, fiel mir der markante Turm aus rotem Sandstein ins Auge. Irgendwie sowjetisch im Stil, jedoch armenisch in der Form, wohl mit den Rohstoffen, die im Kaukasus zu finden waren, gebaut. Die hoch hinausragende Spitze passte irgendwie nicht zum sonst von außen etwas unscheinbar wirkenden Gebäude. Davor standen ein paar rauchende Marschrutka-Fahrer vor ihren halbleeren Minibussen. Der Automat, an dem ich mir Kaffee holen wollte, spuckte diesen ohne Becher aus und schoss demonstrativ ein Rührstäbchen hinterher ins Leere. Es klackte auf dem Boden. Die Tristesse der Vororte in ein Bild gepackt.

Yerevan

(Foto: Markus Müller)

Man hieß mich, mir ein Ticket im Inneren des Gebäudes zu holen, und ich erwartete eigentlich nichts. Bis sich mir diese wunderschön geformten brutalistischen Hallen mit akkurat geplanten Treppenaufgängen offenbarten. Die mächtigen Säulen schufen in Kombination mit den großflächigen Fenstern ein ungewöhnliches Farbenspiel. Genauestens angeordnet und je nach Tageszeit immer wieder anders.

Yerevan

(Foto: Markus Müller)

Und so befand ich mich, ohne es zu planen, in einem kleinen Urbex-Abenteuer. Ganz verlassen ist der nördliche Busbahnhof in Jerewan wohlgemerkt nicht. Tatsächlich befindet sich hier immer noch ein Kassenhäuschen. Das war aber unbesetzt und so nutzte ich die Zeit, hoch und runter zu schleichen, um künstlerisch wertvolle Fotos zu schießen. Währenddessen wischten die Putzkräfte den Boden und schienen nicht so ganz zu wissen, für wen und warum.

Yerevan

(Foto: Markus Müller)

Abgesehen von ihnen schienen nicht so viele Menschen den Innenraum zu besuchen. Sie warteten eher auf die Marschrutkas vor dem Gebäude und teilten sich mit den Fahrern ihre Papyrosi. An den Wänden hingen vereinzelt noch Werbeplakate für Flugreisen nach Russland – mit fast sowjetischer oder an die 90er Jahre anmutender Ästhetik. Gleichzeitig die Bedeutung des Busverkehrs irgendwie unterminierend.

Yerevan

(Foto: Markus Müller)

Wann ist der nördliche Busbahnhof in Jerewan entstanden?

Ich forschte also nach, warum hier, nun wirklich im Nirgendwo an einer nicht wirklich schönen Straße, ein solcher Prunkbau, von außen heute unscheinbar, von innen ein Meisterwerk der klaren Linien, entstanden ist. Bald stieß ich auf Namen. Die beiden Architekten Armen Aghaljan und Wardan Awetisjan standen hinter dem Design. Nach ihren modernistischen Ideen wurde der Busbahnhof 1988 fertiggestellt und eröffnet.

Yerevan

(Foto: Markus Müller)

Durch das schwere Erdbeben einige Monate später und den Zusammenbruch der Sowjetunion verlor das Gebäude aber sehr bald an Bedeutung, bevor es überhaupt in seine Blütephase starten konnte. Gerade die Langstreckenbusfahrten über die Sowjetrepublik hinaus waren angesichts des aufkommenden Krieges mit Aserbaidschan weniger relevant. Somit kam es zur schrittweisen Degradierung des Busbahnhofs zu einer reinen Marschrutka-Haltestelle.

Yerevan

(Foto: Markus Müller)

Wie kommt man zum nördlichen Busbahnhof in Jerewan?

Um zum nördlichen Busbahnhof in Jerewan zu gelangen, muss man, wer hätte es geahnt, mit dem Bus nach Norden fahren. Die beste Option ist es, erst einmal mit der U-Bahn die Station Yeritasardakan anzusteuern. Dieser schwer auszusprechende Ort liegt am nordwestlichen Ende des Rings um die Innenstadt herum und ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt.

Von hier aus bin ich auf der Abowjan-Straße (Abovyan) immer nach oben gegangen, nach dem richtigen Bus und der passenden Haltestelle suchend. Die Tendenz war jedenfalls richtig. Abowjan ist nämlich auch der Vorort, in dessen Nähe sich der Busbahnhof befindet.

Achtung: Die Tickets muss man an einem der wenigen Telcell-Automaten vor Fahrtantritt kaufen, und das am besten mit genauem Kleingeld (150 Dram). Für mich irgendwie zu viel Aufwand, denn die Dinger stehen nicht an jeder Haltestelle rum. Und dann das noch: Schon am Flughafen funktionierte keine einzige der Maschinen und so fuhr ich schwarz mit zum nördlichen Busbahnhof.

Yerevan

(Foto: Markus Müller)

Viele Linien, die nach Norden fahren, steuern letzten Endes auch diesen brutalistischen Urbex-Ort in Armeniens Hauptstadt an. Erfolg hatte ich mit der Nummer 46, hätte aber auch die 1, 253, 259 und 261 nehmen können.

Yerevan Yandex

(Screenshot Yandex Maps)

Um die Buslinien zum nördlichen Busbahnhof zu finden, musste ich allerdings extra meine alten Russischkenntnisse herauskramen und beim Kartenanbieter 2GIS nachfragen. Alternativ geht auch Yandex Maps auf Englisch. Google zeigt den ÖPNV zumindest nicht an. Die Fahrt dauert etwa 50 Minuten und man kommt, wie gesagt, ziemlich verwirrt, im Nirgendwo bei Papirosy rauchenden post-sowjetischen Busfahrern an.

Lust auf weitere Urbex-Artikel: Hier gibt es mehr zu Urbex in Bosnien, Urbex in Albanien und Urbex in China zu lesen.