Veröffentlicht am 29. Juli 2026

Himalaya Reiseführer

Die Logik der pakistanischen Verwaltung ist manchmal unergründlich. Wo man keine Genehmigung (NOC) braucht, wird eine von den Polizisten verlangt. Wo sie benötigt werden würde, kommt man mit Kontakten so rein. Der ganze Prozess selbst, um an das No Objection Certificate (NOC) zu kommen – dauert ewig. Angesichts dieser Schwierigkeiten versuchten wir, Azad Kaschmir einfach mal auf eigene Faust zu besuchen. Was man ohne NOC im pakistanisch verwalteten Kaschmir sehen kann, erfahrt ihr hier.

Gipfel des Pir Chinasi in Azad Kashmir
Auf dem Gipfel des Pir Chinasi in Azad Kashmir - Markus Müller

Was ist das NOC und wie bekommt man es oder umgeht es?

Das NOC ist das pakistanische No Objection Certificate, mit welchem die Tourismusbehörde attestiert, dass Ausländer in eine bestimmte Region fahren können. Relevant ist es vor allem für einige Teile des Kaschmirs, u. a. für das nahe an Indien gelegene Neelum-Tal. Als wir aber bei einem Versuch, in das offiziell ohne NOC zugängliche Mirpur zu kommen, aufgehalten und zurückgeschickt wurden, probierten wir es dennoch, das Dokument zu beantragen.

Eigentlich gibt es so eine Art offizielles Büro in der Blue Area in Islamabad, genauer gesagt im Auswärtigen Amt Pakistans (nicht Interior Affairs!). Dort müsste man aber mindestens eine Woche vorab vorstellig werden, wenn nicht noch früher. Die Bearbeitung soll angeblich lange dauern, weswegen uns mehrfach eine Abkürzung vorgeschlagen wurde. Das bedeutete: an der Security vorbeizugehen und direkt im Ministerium anzufragen.

Was man direkt ansteuern muss, ist der Block R. Dort geht es zur Anmeldung und einige Etagen hinauf, ich glaube, etwa in den 10. Stock. Hier steht man erst einmal vor verschlossenen Türen und muss sich irgendwie durch die mit Passcode gesicherte Tür schleichen. Danach stehen entweder das große Führungsbüro oder das Office, in dem die NOC-Anträge direkt bearbeitet werden, zur Auswahl. Mit etwas gutem Zureden lässt sich der Vorgang abkürzen. Zumindest wird viel versprochen, im Sinne von: Morgen ist das Dokument dann fertig.

In genau dieser Hoffnung kamen wir sehr früh ins Büro und standen vor verschlossenen Türen. Von 09:00 bis 12:00 Uhr warteten und warteten wir auf unser versprochenes Meeting, doch niemand tauchte auf, obwohl wir schon am Vortag unseren Antrag formlos auf einem leeren Blatt Papier eingereicht hatten. Entsprechend versuchten wir es dann mit einer alternativen Lösung, und zwar einem Kontakt in Muzaffarabad, der kaschmirischen Hauptstadt selbst.

NOC Antrag für Pakistan
Antrag für einen NOC in Pakistan

Den ehemaligen Piloten und Armeeangehörigen hatten wir über Couchsurfing kennengelernt. Er leitete unsere Passkopien an den Grenzposten weiter und flüsterte uns zu, ein bestimmtes Hotel mit Telefonnummer als Referenz und Reservierung zu nennen. Als wir mit dem Bus in der Grenzstadt Kohala ankamen, wussten die Beamten schon Bescheid und winkten uns durch. Ohne Unterstützung vor Ort hätte es mit Sicherheit Probleme über die Frage gegeben, ob wir in Zonen fahren wollen, die ein NOC bedürfen.

PDF Dokument mit der Info über das Ende der NOC-Pflicht für Azad Kashmir
Dokument zur Abschaffung des NOC

Offiziell, das sei gesagt, braucht es seit 2019 für die meisten Gebiete in Azad Kaschmir aber keinen NOC. Das entsprechende Gesetz kann man sich sogar herunterladen und ausdrucken. Warum es letztlich bei den Grenzposten so viele Probleme gibt, ob es Unwissenheit oder Bestechungswünsche sind, war uns am Ende unklar. Wir waren zumindest endlich in dieser Disputed Area angekommen und ich konnte nach meinem vorherigen Besuch im indischen Kaschmir meine Bucket-Liste solcher Regionen vervollständigen.

Ist Azad Kaschmir sicher für Touristen?

Ja, generell ist Azad Kaschmir sicher für Touristen, vor allem, wenn man sich an die Vorgaben der örtlichen Sicherheitskräfte hält und Kontakte knüpft. Wer sich nicht näher als 5 Kilometer an die Grenze mit Indien heranbegibt, sollte generell keine Probleme haben. Für diese Zone wird ohnehin eine spezielle Erlaubnis, der NOC, benötigt. Die Kriminalitätsrate ist im Allgemeinen sehr niedrig und die Menschen vor Ort sind freundlich, sehr gesprächig und hilfsbereit.

Wie komme ich nach Azad Kaschmir?

Du kommst ganz einfach mit dem Bus nach Azad Kaschmir und fährst in Rawalpindi nahe Islamabad am Busbahnhof Faizabad ab. Dort gibt es verschiedene Unternehmen wie:

  1. Faisal Movers (ca. 1.100 Rupees)
  2. Sky Ways (700-950 Rupees)
  3. Qadri Travel (ca. 600 Rupees)
  4. Sania Express (600-800 Rupees)
  5. NATCO (ca. 600-750 Rupees)

Für Fahrten von Islamabad nach Muzaffarabad muss man sich auf der Nordseite der Straße Karnal Sher Khan Shaheed umschauen. Am besten fragt man einfach ein wenig herum, bis man zum richtigen Office kommt. Wir waren an einer kleinen Ticket-Box von Sania Express in einer Hausunterführung. Hier kostete die Fahrkarte etwa 600 Rupees. Einmal gekauft ging es in den geschlechtergetrennten Saal, bis endlich jemand kam und uns zum Bus brachte. Dauert etwas, ist aber günstig!

Auch ohne NOC konnten wir eine ganze Reihe an Orten in Azad Kaschmir sehen. Unsere 6 Top-Attraktionen waren:

  1. Muzaffarabad
  2. Pir Chinasi
  3. Jhelum-Tal und Jaskool-Wasserfall
  4. Cham-Wasserfälle
  5. Mirpur
  6. Mangla-Stausee

Zunächst einmal kann man mit den richtigen Kontakten auch ohne NOC in Azad Kaschmir ziemlich viel sehen. Oft wurden unsere Anfragen erst mit „verboten“, „unmöglich“ etc. beantwortet, zwei Minuten später fuhren wir aber dennoch hin. Das war z. B. der Fall bei der von Indien im Sommer 2025 angegriffenen Moschee in Muzaffarabad, deren Schäden wir am Ende doch begutachten durften. Hier nun also ausführlich unsere 6 Top-Picks für Azad Kaschmir.

1. Muzaffarabad

Muzaffarabad ist die Hauptstadt von Azad Kaschmir und war unser erstes Reiseziel in der autonomen Region. Von Faizabad in Rawalpindi fahren täglich mehrere Busse ab. Nach der Ankunft wurden wir von unseren Kontakten begrüßt und in ein stadtbekanntes Hotel, die Bridge Residency, gebracht.

Ähnlich wie in pakistanischen Regionen wie Khyber-Pakhtunkhwa (KPK) fühlt man sich auch hier ständig beobachtet. Die Kontakte folgten uns fast auf Schritt und Tritt und warteten zu fast jeder Zeit in der Lobby. Zu unserer Überraschung hatte eine der Personen sogar ein Büro in dem Gebäude und fuhr uns später mit Blaulicht hinauf zum Pir Chinasi und wieder herunter.

Für unsere Erkundung von Muzaffarabad bekamen wir einen Begleiter, der uns in seinem Kleinwagen jede Ecke zeigte. Etliche Hotels und Restaurants waren auf unserer Tour dabei, in denen wir dann klassische Wazwaan-Gerichte wie Gushtaba probierten und uns Paratha mit Dal genehmigten.

Teller mit Gushtaba-Fleischkloß in weißer Sauce neben einem Korb mit Fladenbrot
Gushtaba Fleischbällchen in Azad Kashmir - Markus Müller

Architektonisch sind die Earthquake Memorial Bridge und das sich daneben befindliche J&K Monument zum Kaschmirkonflikt sehenswert. Die Brücke trägt ihren Namen von den verheerenden Zerstörungen beim Erdbeben im Jahr 2005. Die Bildergalerie am Denkmal bietet einen guten Überblick zum Konflikt zwischen Indien und Pakistan. Grundtenor: Eigentlich wollen Kaschmiris lieber ihr eigenes Land haben. Im Vergleich leben sie auf der pakistanischen Seite dann aber doch etwas besser als in Indien – zumindest nach meinem direkten Vergleich mit Jammu & Kashmir.

Blick auf Muzaffarabad mit der Erdbeben-Brücke
Blick auf die Skyline von Muzzafarabad - Markus Müller

J&K Memorial in Muzaffarabad, Kaschmir
Im J&K Memorial erfährt man mehr über den Kaschmirkonflikt - Markus Müller

Nach Erdbebenbrücke und Denkmal fuhren wir an den Resten des Roten Forts vorbei und hinauf zum Hügel von Upper Chatter, von wo man den Zusammenfluss von Jhelum und Neelum überblicken kann. Man bekommt einen Eindruck von der quirligen Stadt und, weil wir ausgerechnet am Geburtstag des Propheten Mohammed anwesend waren, vom religiösen Leben. Umzüge mit grünen Fahnen und Musik waren überall in Muzaffarabad zu hören und eine spannende Ergänzung zu unserer Tour.

Umzug einheimischer Kashmiris mit grünen Fahnen zu Mohammeds geburtstag
Prozession in Muzzafarabad zu Ehren des Prophetengeburtstags - Markus Müller

Zu guter Letzt bestanden wir natürlich auf einen Rundgang über den Basar, allerdings hatten wir hier eine viel zu achtsame Begleitung im Rücken. Nicht unbedingt im positiven Sinne. Trotzdem konnten wir uns einige Pashmina-Shops, Lebensmittelgeschäfte und Teppichhändler ansehen. Schließlich landeten wir auch in einem authentischen Streetfood-Restaurant, in dem es einfach nur ein Gericht gab: Gushtaba mit Brot. Dazu natürlich Kahwa, was in Pakistan überraschenderweise kein Kaffee, sondern grüner Tee ist.

2. Pir Chinasi

Eine der besten Attraktionen in Azad Kaschmir, die man ohne NOC besuchen kann, ist ganz klar der Pir Chinasi (Peer Chinasi), einer der höchsten Gipfel in der Region. Hier bekommt man die Natur der Himalaya-Ausläufer zu spüren und erfährt, was das Gebiet eigentlich ausmacht.

Der Berg ist 2.900 Meter hoch und gilt als eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten in der Umgebung von Muzaffarabad. Für die Fahrt hinauf bot uns unser Soldaten-Piloten-Kontakt seinen eigenen Jeep an und lud unseren zweiten Begleiter, einen jungen Trading-Travel-Blogger, gleich mit ein.

Blick von einem der Teehäuser am Pir Chinasi ins Kaschmirtal
Teehäuser an den Hängen des Pir Chinasi - Markus Müller

In Serpentinen schlängelten wir uns Meter um Meter nach oben. Am Straßenrand und speziell in den engen Kurven befinden sich bezaubernde Cafés mit separaten Pavillons direkt am Abgrund. Hier kann man seinen Chai genießen, die Wolken und die Paraglider vorbeiziehen sehen. Unter einem sammeln die kaschmirischen Bauern Heu ein oder gehen ihrem Farmleben nach. Manche verdienen sich etwas Geld mit dem Verkauf von Walnüssen und Früchten dazu. Insgesamt ist das Leben hier oben aber hart, vor allem, wenn der Winter einkehrt.

Kaschmirische Flagge auf einem der Teehäuser am Pir Chinasi
Die Flagge von Azad Kaschmir am Pir Chinasi - Markus Müller

Der Aufstieg an den samtigen Hängen entlang nimmt fast kein Ende, bis man endlich am Gipfel ankommt, der von den militärischen Radareinrichtungen überragt wird. Am anderen Rand befindet sich ein bekannter Sufi-Schrein für Hazrat Shah Hussain Bukhari, der von Männern und Frauen gemeinsam besucht wird. Hier oben wirkt dieser Ort besonders mystisch, umso mehr, wenn am Abend der Muezzin zum Gebet aufruft und den gesamten Berg in Gesang hüllt.

Sufi-Heiligtum mit grüner Kuppel auf dem Gipfel des Pir Chinasi
Schrein auf dem Gipfel des Pir Chinasi - Markus Müller

Die Beliebtheit des Pir Chinasi spiegelt sich darin wider, dass es ganz oben auch Hütten zum Übernachten und jede Menge Essensstände gibt. Dort werden gegrillte Spieße, Mais, Pakora, Aloo und andere Snacks verkauft. Daneben bieten die Händler alle Arten von Kräutern und Tees mit geheimnisvoller Wirkung an. In der Regel zielen sie aber auf Potenzsteigerung ab – und das vermarktet sich wohl am besten.

Autor vor dem Love Kashmir Zeichen auf dem Pir Chinasi
Hoch auf dem Gipfel des Pir Chinasi - Markus Müller

Läuft oder fährt man etwas offroad auf dem Bergkamm entlang nach Osten, kommt man zu einem märchenhaften Waldgebiet, nahe an den Wolken gelegen und mit traumhaften Aussichten über die Täler des pakistanischen Kaschmirs.

Schotterweg zum Wäldchen am Hang des Pir Chinasi
Straßen rund um den Pir Chinasi - Markus Müller

Nach ein paar Wanderrunden haben wir hier oben noch einen kleinen Chai-Stand gefunden, mit holzbefeuertem Ofen und Regenrinnen aus Plastikflaschen. Das Beste aber war die Aussicht auf die Wolken, perfekt für Zeitrafferaufnahmen.

Lichtung hoch in den Bergen des Pir Chinasi Massivs mit Blick auf die Wolken
Auf dem Gipfel des Pir Chinasi - Markus Müller

Jhelum Valley und Jaskool-Wasserfall bei Chinari

Am nächsten Tag gingen wir mit einem unserer Begleiter auf Tour. Für etwas Spritgeld fuhren wir durch das Jhelum-Tal, da Neelum aufgrund der Nähe zur Line of Control (LOC) und unseres fehlenden NOCs tabu war. Jhelum, der zweite große Fluss in Azad Kashmir, bietet aber ebenfalls wunderschöne Landschaften und vor allem jede Menge Wasserfälle. Auf dem Weg am Ufer entlang kamen wir zudem durch authentische Kleinstädte und Dörfer mit Märkten wie Garhi Dupatta, Hattian Bala und Chinari.

Jhelum-Fluss in Azad Kaschmir
Der Jhelum-Fluss in Azad Kashmir - Markus Müller

Nur wenige Kilometer außerhalb von Chinari durften wir dann den ersten kleinen Wasserfall bewundern. Die LOC ist hier schon ziemlich nah, deshalb würde man nach einigen Minuten schon zum ersten Armeeposten nahe Chakothi kommen. Selbst die Straße nennt sich Srinagar Road, nach der Hauptstadt des Kaschmirs auf der indischen Seite benannt.

Wasserfall mit Besuchern in Chinari, Azad Kaschmir
Chinari-Wasserfall im Jhelum-Tal - Markus Müller

Die eigentliche Überwachung findet hoch in den Bergen statt, fast unvorstellbar, wie die pakistanischen Soldaten auf den Gipfeln thronen, während sich die indische Armee nur etwas darunter befindet. Hier kommt es immer mal wieder zu Schusswechseln, was jedoch das Inland von Kaschmir auf beiden Seiten selten beeinflusst, außer eben, es ist Krieg.

Bild vom Autor mit lokalen Männern am Wasserfall in Chinari
Bild mit lokalen Männern in Azad Kashmir - Markus Müller

Nun aber zum Wasserfall: Was man in Azad Kashmir ohne NOC sehen kann, ist auf jeden Fall der Jaskool-Wasserfall. Der ist relativ klein und wäre für sich gesehen nicht unbedingt lohnenswert. Im Jhelum-Tal ist aber der Weg das Ziel und man begegnet hier sehr vielen Leuten. In den wenigen Minuten, die wir am Jaskool-Wasserfall verbracht haben, sprachen wir mit Familien und nahmen Fotos auf, die Männer mit den Männern, die Frauen mit den Frauen.

Bilder mit verschleierten Frauen am Wasserfall
Treffen mit Frauen in Azad Kashmir - Markus Müller

Trotz der eher konservativ ausgerichteten Gesellschaft sind die Menschen im Kaschmir extrem offen und freuen sich, mit Touristen über dies und das, ja alles Mögliche zu reden. Eine ähnliche Erfahrung habe ich im indischen Kaschmir rund um Srinagar gemacht.

Cham-Wasserfall (Chham Aabshaar)

Chinari ist auch der Ausgangspunkt für die Tour zum Cham-Wasserfall und nun ja, so ganz genau weiß ich nicht, ob dieser Ort einfach ohne NOC zu erreichen ist. Unsere Kontakte, der Pilot und der Traveling Trader, meinten, das wäre kein Problem. Später wurde aus dem Traveling Trader aber auch ein Offizier, seiner eigenen Aussage nach, und das würde ihn wesentlich schneller durch mögliche Kontrollen bringen.

Kurz vor dem Cham-Wasserfall auf der Chinari gegenüberliegenden Seite des Jhelum-Flusses kam die Kontrolle dann auch. Der Trading-Traveling-Armeeangehörige salutierte aber eigentlich nur, zeigte seinen Offiziersausweis vor und man ließ uns gehen. Wie dem auch sei, es ist auch ohne Begleitung einen Versuch wert. Anscheinend kann man die Dokumente auch am Stützpunkt lassen, den Wasserfall besuchen und wieder zurückkommen. Ganz genau abgemessen – das zeigte uns der Pilot – ist Cham auch wirklich exakt 5 Kilometer von der LOC entfernt, also gerade noch im Rahmen des Möglichen. Notfalls kann man das Gesetz hochhalten und auf einen Besuch bestehen.

Wasserfall Cham in Azad Kaschmir mit Personen im Vordergrund
Vor dem Cham-Wasserfall in Azad Kaschmir - Markus Müller

Wenn die Armee den Weg nicht versperrt, dann ist es ab irgendeinem Zeitpunkt aber die Natur das Limit. Zumindest mit dem Kleinwagen ging es auf dem rauen Terrain nicht mehr weiter. Wir entschlossen uns dazu, zu Fuß zu gehen. Am Ende fuhr aber ein klappriger Bus an uns vorbei, mit dem wir einfach trampen konnten, ohnehin eine meiner Lieblingsaktivitäten, von Venezuela bis ins Hunza-Tal.

Zum Cham-Wasserfall geht es ab irgendeinem Punkt immer die Treppen hinunter, nahe an der Schlucht entlang. Mit azad-kaschmirischer Beflaggung wirkt das Naturwunder noch einmal exklusiver. Es ist etwa 90 Meter hoch und fällt in mehreren Stufen zu Boden. Über einen Steg kommt man relativ nah an die tosenden Wassermassen heran. Genauso beeindruckend ist das Schauspiel aber auch von etwas weiter oben. Dort scheint der Wasserfall aus einer kleinen Spalte aus dem begrünten Gestein hervorzuschießen, mit enormer Kraft und reichlich Lärm.

Mirpur – kaschmirisches England

Mirpur war so etwas wie unser ständiger Albtraum auf der Reise durch Pakistan. Das erste Mal fuhren wir mit einem Taxifahrer über die inDrive-App los – und wurden nach ca. 2 Stunden an der Grenzkontrolle zwischen Punjab und Azad Kaschmir abgewiesen. Irgendwie hatte sich der Taxifahrer vermutlich verquatscht und verraten, dass Touristen in seinem Auto sind. Daraufhin mussten wir unsere Pläne offenlegen, es wurde hinter verschlossenen Türen beratschlagt und am Ende hieß es: Ohne NOC keine Einreise nach Azad Kaschmir.

Ob das nun ein verkappter Bestechungsversuch war oder die Soldaten einfach nichts von den Gesetzen wussten, keine Ahnung. Seit 2019 ist eigentlich ziemlich klar, dass alle Touristen Gebiete außerhalb der 5-km-LOC-Zone ohne Genehmigung besuchen dürfen. Trotzdem scheinen diese Zurückweisungen aber häufig zu geschehen, vor allem, wenn man keine Übernachtung und keine lokalen Kontakte hat.

Am Ende des Pakistan-Trips wollten wir es aber doch nochmal versuchen. Einige Wochen zuvor begegneten wir in den Hochebenen des Deosai-Nationalparks einem Anwalt, der uns seine Hilfe anbot. Wir trafen ihn dann in seinem Büro in Islamabad. Er packte seine gesamte Familie samt Frau, Kindern und Mutter ins Auto und auf ging es nach Mirpur. Der Familientrick funktionierte. Er sagte vorab, dass es wesentlich unauffälliger wäre, und tatsächlich wurden wir nicht einmal richtig angehalten.

Große Villa in der Nähe von Mirpur
Rückkehrer aus England haben riesige Anwesen in Mirpur gebaut - Markus Müller

Mirpur selbst ist auch als kleines England bekannt. Als in den 1960er Jahren der riesige Damm am Jhelum-Fluss gebaut wurde, bot man den Menschen im Tal eine Umsiedlung und Visa für Großbritannien an. Viele zogen fort und machten dort ein Vermögen. Das spiegelt sich am britischen Akzent in der Gegend ebenso wider wie an den imposanten Villen.

Wir fuhren vor allem nach Jangian Kotla auf der Suche nach geheimnisvollen familiären Wurzeln. Der Vorteil: Auf dem Weg liegt der bekannte Sufi-Schrein Khari Sharif. In New Mirpur City gibt es dagegen etliche Märkte und Essen, vor allem aber das Ufer des Mangla-Stausees. Rund um die Stadt gehören außerdem die historischen Forts aus der Mogulenzeit zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten im südlichen Azad Kashmir. Lohnenswert sind vor allem das Mangla-Fort und das Ramkot-Fort.

Mangla-Staudamm bei Mirpur

Der Mangla-Staudamm war und ist eines der mächtigsten architektonischen Symbole seiner Zeit. Die Anlage wurde in den 1960er Jahren errichtet und staut seither den Jhelum-Fluss nahe Mirpur zu einem riesigen See zusammen. Dem Wasser mussten jedoch mehr als 280 Dörfer und über 110.000 Menschen weichen. Im Gegenzug dazu wurden Arbeitsvisa für Großbritannien ausgegeben. Nach einigen Zählungen sollen heute etwa 70 Prozent der pakistanischen Diaspora in Großbritannien Wurzeln in Mirpur haben.

Familie und Reisende am Mangla See
Der Anwalt und seine Familie: Sie halfen uns, nach Mirpur zu kommen - Markus Müller

Mittlerweile ist der See ein echtes Freizeitparadies. Am Ufer gibt es an mehreren Stellen Restaurants und kleinere Parks für Familien. Unsere Anwaltsfamilie brachte uns an einen dieser Orte und buchte direkt eine Bootstour. Bei dem kleinen Ausflug konnte man sich bildlich vorstellen, wie die heutigen Inseln früher einmal Berge hoch über den kleinen Dörfern gewesen sein müssen. Jetzt kann man hier anlegen und angeln gehen.

Mangla Stausee mit herausragenden Inseln
Berge wurden zu Inseln im Mangla-See - Markus Müller

Mit dem Wasser kam letztlich auch der Fisch ins südliche Azad Kaschmir. Genau diesen mussten wir natürlich auch in einem der Restaurants in Mirpur bestellen. Wir verbrachten unsere Zeit direkt am Ufer unter freiem Himmel und gönnten uns ordentliche Portionen frittierten Fisch, frisch aus dem Stausee. Kulinarisch ist das auf jeden Fall der wichtigste Tipp für die Mirpur-Region, während in anderen Gegenden Wazwaan-Speisen wie Fleischklopse in Safransoße oder Kebabspieße überwiegen – vor allem in der indisch besetzten Gegend um Srinagar.

Neelum Valley – leider nicht

Was man ohne NOC in Azad Kaschmir nicht besuchen kann, ist das Neelum-Tal. Das Tal erstreckt sich von Muzaffarabad aus nach Norden und macht dann einen Bogen nach Osten in Richtung LOC. Einen Teil der Strecke kann man durchaus abfahren, vielleicht bis Ghori oder Patikka. Spätestens ab Deolian wird es aber kompliziert und bekannte Sehenswürdigkeiten im Neelum Valley wie die Dhanni-Wasserfälle sind für Ausländer ohne NOC nicht erreichbar.

Ratti Gali See im Neelum Tal in Azad Kaschmir
Blick auf den Ratti-Gali-See im Neelum-Tal - K.Night.Visitant (Wikimedia) - (CC BY-SA 4.0)

Für uns war die Region also keine Option, aber immerhin hörten wir viel von ihren schönsten Orten. Neben den Dhanni-Wasserfällen sind der türkisfarbene Ratti-Gali-See, der Chitta-Katha-Gletschersee und der Kutton-Wasserfall spannende Ausflugsziele. In Kel und Keran kann man von den Dörfern am Fluss sogar auf die indische Seite hinüberblicken. Also, wenn grad kein Krieg herrscht und man einen NOC hat.

Hier sind 7 Attraktionen im Neelum Valley, die man nicht verpassen sollte:

  1. Kutton-Wasserfälle
  2. Chitta-Katha-Gletschersee
  3. Dhanni-Wasserfälle
  4. Ratti-Gali-See
  5. Dörfer am Jhelum-Fluss, Keran und Kel
  6. Sharda mit den Ruinen eines hinduistischen Tempels
  7. Taobat, das letzte zugängliche Dorf am Ende des Neelum-Tals

Ist es möglich, von Mirpur nach Muzaffarabad in Azad Kaschmir zu fahren?

Nein, es ist nicht möglich, direkt von Mirpur nach Muzaffarabad mit dem Auto zu fahren, weil die Straße ziemlich nahe an der LOC, also der indisch-pakistanischen Grenze, vorbeiführt. Dafür müsste auf jeden Fall ein NOC her und selbst damit ist es etwas unklar, ob Touristen hier lang fahren dürften. Fazit: Besser nicht versuchen oder Geld- und Zeitverlust für Taxis, Mietwagen etc. einplanen.