Per Anhalter durch Venezuela in 2026: von Mautstation zu Mautstation
Auch wenn es noch so abwegig erscheint, ich versuche fast in jedem Land, von Syrien über Afghanistan bis hin nach Venezuela, zu trampen. Bei meiner Reise nach Venezuela kurz nach Maduros Entführung im März 2026 stand diese Fortbewegungsart wieder auf dem Programm. Generell kann ich erst einmal sagen, es funktioniert, wenn auch mit ein paar Hürden. Die Mautstationen sind der Schlüssel zum Erfolg, aber irgendwie auch das Problem.

Wie verbreitet ist Trampen in Venezuela?
Dass Trampen in Venezuela eine lange Tradition hat, merkt man bereits am Namen. Es heißt hier nämlich nicht wie sonst auf Spanisch „autostop”, sondern Cola. Um eine Fahrt zu erfragen, sagt man einfach „Se da/das una cola para…” und ergänzt die Stadt, z. B. Caracas oder Maracaibo. Eine Cola zu wollen, bezieht sich natürlich nicht auf das Getränk, sondern geht viel weiter in die Vergangenheit zurück. Cola ist nämlich auch der Name für den Pferdeschwanz, an dem sich ermüdete Wanderer festhielten, um sich ein Stückchen ziehen zu lassen.

Nun ist in der Zwischenzeit aber viel passiert: Bürgerkriege, rechte Diktatur, linke Diktatur und vor allem jede Menge Kriminalität. Zwischen 2015 und 2022 war die Lage besonders schlimm und man konnte kaum sein Telefon in der Öffentlichkeit zeigen, ohne überfallen zu werden. Mittlerweile hat sich vieles verbessert und das Land fühlt sich ziemlich sicher an, meiner Erfahrung nach zumindest sicherer als das benachbarte Kolumbien. Die Angst vor dem Raub schwingt aber noch nach.

Einfach auf der Straße zu stehen und den Daumen herauszuhalten, wird zwar verstanden, die Leute sind aber zögerlich. Es kann also eine ganze Weile dauern, bis sich jemand bereit erklärt, zu stoppen. Oft sind es Busse, denen man aber ebenfalls die magischen Cola-Worte sagen kann. Viele nehmen einen umsonst mit.
Wie kann man also per Anhalter in Venezuela fahren?
Die beste Option, um in Venezuela per Anhalter zu fahren, ist es, zu einer Mautstelle (Peaje) zu gehen, da hier die Autos ihre Fahrt verlangsamen und Gebühren bezahlen. Kurz dahinter kommt es zur Militär-, Polizei- und Drogenkontrolle. Dieser Ort ist damit ideal, um Autos zu stoppen bzw. stoppen zu lassen. Es ist empfehlenswert, direkt auf die Beamten zuzugehen und das eigene Vorhaben zu erklären. Daraufhin wird man nach dem Reisepass gefragt und die Soldaten versprechen, bei der Suche nach Fahrzeugen zu helfen.

Meiner Erfahrung nach machen die Leute an den Checkpoints aber nur einen mittelmäßigen Job. Teilweise wurden bei meiner Reise per Anhalter in Venezuela massenweise Fahrzeuge durchgelassen, ohne wirklich zu fragen oder auf meine Mitnahme zu drängen. Funktioniert hat es so richtig erst dann, wenn ich nochmal nachhakte. Ich hatte das Gefühl, dass die Beamten gezielt nach Fahrern mit direkter Destination, z. B. Caracas, suchten. Für mich wäre der halbe Weg aber ebenso gut gewesen. Darauf die Soldaten hingewiesen, ging es dann etwas schneller.
Eigene Erfahrung: Trampen von Maracaibo nach Caracas
Mein Trip per Anhalter in Venezuela begann Mitte März in Maracaibo. Mit einem Taxi fuhr ich zur großen Brücke General Rafael Urdaneta, wo sich eine der wichtigsten Mautstellen in der Region befindet. Wie mir von meinem Couchsurfer geraten wurde, ging ich direkt auf einen der Beamten zu, mir wurde aber keine direkte Hilfe versprochen. Also musste ich allein den Daumen heraushalten, zunächst ohne Erfolg. Hier hatte ich das Gefühl, dass ein Schild durchaus den Unterschied macht, einfach, weil es etwas speziell wirkt und Leute neugierig macht.
Nach einiger Zeit kam es dann zum Wachwechsel mit einem Personal, das weniger freundlich war. Der neue Chef befahl mir, vor die Mautstation zu gehen, eigentlich keine gute Idee, weil es ohne militärischen Druck schwieriger ist, in Venezuela Autos anzuhalten. Immerhin waren die Mitarbeiter der Mautstation freundlicher. Irgendwann hielt dann auch ein Paar an und brachte mich direkt über die Brücke. Ein dort stehender Mann empfahl mir zwar, zurück zur Peaje zu kehren, hielt dann aber für mich einen Bus bis zur nächsten Maut in Santa Rita an.
Santa Rita, nun ja, es herrschte große Hitze, und erneut hatte ich Schwierigkeiten, die Beamten davon zu überzeugen, mir zu helfen. Nach einer ganzen Weile fragte ich nochmal nach und überraschte die Kontrolleure damit, dass ich auch nach Barquisimeto mitfahren würde. Kurz darauf ging es schnell auf eine relativ lange Fahrt auf der Ladefläche eines Pickups der Zeugen Jehovas. Dass wir an der Peaje El Venado angehalten wurden, war am Ende echtes Pech.


Peaje El Venado
Ja, die Soldaten hier waren nett und versprachen mir, dass ich hier besser weiterkommen würde, als bei den Zeugen Jehovas zu bleiben. Ich setzte mich also in den Schatten, füllte meine Wasservorräte und ließ sie machen. Irgendwann verschwanden aber die Jungs, mit denen ich geredet hatte, und es war nicht mehr klar, ob alle von meinem Anliegen wussten. Es vergingen gefühlt Stunden. Ich musste die Sache also selbst in die Hand nehmen, und ich fand dann endlich ein etwas klappriges Fahrzeug mit vier Männern auf dem Weg nach Barquisimeto, also 50 Prozent des Weges nach Caracas.

Die Entscheidung, hier einzusteigen, war unbewusst ein Fehler. Die Leute waren absolut freundlich, luden mich ein und redeten viel. Problem war eben nur, dass sie direkt in das Profiling der Checkpoints fielen. Anscheinend halten die Militärs und Antidrogeneinheiten bevorzugt alte, kaputte Autos an. Umso verdächtiger erscheint es, wenn 5 Männer darin sitzen und einer davon per Cola verreist.
Eigentlich wurden wir an jedem Checkpoint herausgezogen. Mal ging es um Drogen, mal um meine Reisegründe, mal um die Frage, ob ich soziale Netzwerke (Redes sociales) nutze. Gerade letzterem ging ich aus dem Weg, indem ich alle Spanischkenntnisse von mir wies. Überall, teils zweimal kurz hintereinander bei der Ein- und Ausfahrt in eine Ortschaft, verloren wir locker 15-30 Minuten Zeit.
Palmarito
In Palmarito, einer bekannten Käsestadt, blieb dann auch noch das Auto liegen und musste repariert werden. Der Motor dampfte, das Kühlwasser zischte, der Fahrer versuchte massenweise kaltes Wasser darauf zu werfen, um die Situation zu verbessern. Nach einem kurzen Reparaturaufenthalt, gingen wir getrennte Wege. Ich stand wieder auf der Straße und versuchte bereits weit in den Nachmittag hinein eine Fahrt zu bekommen.

Irgendwann kamen die Leute von zuvor aber zurück und meinten, dass der Wagen jetzt wieder fahre. Ich hätte wirklich ablehnen und auf eine andere Option warten sollen. So dauerte es noch eine ganze Weile, bis das Auto wirklich wieder ansprang, und wir schafften es gerade einmal bis Jacinto Lara, der mit Abstand schlimmsten Mautstation, an der ich in Venezuela war.
Gepäckkontrolle und Korruption in Jacinto Lara
In Jacinto Lara wirkten wir wohl besonders verdächtig. Das ist überhaupt die Einstellung, die mir an den meisten Checkpoints aufgefallen ist. Niemals wird man wirklich freundlich behandelt, sondern einem wird immer der Eindruck vermittelt, dass ein Verdacht gegen einen besteht. Vier Männer in einem klapprigen Gefährt mit einem Deutschen, der per Anhalter unterwegs ist, war dann wohl zu viel. Ich wurde zur kompletten Gepäckkontrolle gebeten.
Parallel packten zwei Beamte nun wirklich alles aus. Die vermeintliche Chefin machte fast meine Kreditkartenhülle kaputt, weil sie nicht verstand, wie man sie öffnet, ihr Kollege filmte sich selbst mit meiner GoPro. Schließlich fand die Beamtin zwei Postkarten, die sie ohne zu Zögern und Sinn für Privatsphäre zu lesen begann. Ich fand das ziemlich skandalös und sagte ihr das auch, woraufhin die Karten dann zur Ansicht für alle anderen Kollegen herumgegeben wurden. Irgendwann stolperten sie über einen Witz über weißes Pulver aus Kolumbien, geschrieben in Spanisch. Daraufhin ging es natürlich richtig los.

Nun wurden meine Pässe abgenommen, ebenso wie meine Telefone. Übersetzer wurden mir nicht gewährt und die Kontrolleure wollten Zugriff auf mein Smartphone. Als nächstes drohten sie mir mit Verhaftung, brachten mich zur Geheimpolizei und, in einem stillen Moment, rieb der eine Mitarbeiter schließlich die Finger aneinander, ganz dreist nach Geld fragend. Das Ganze wurde mehrfach wiederholt, auch vor den anderen Beamten.
Nach einer Stunde reichte es mir irgendwann. Das Gepäck war schon wieder gepackt und es war vollkommen unklar, ob ich nun gehen könnte oder nicht. Am Ende zwangen sie mich dazu, 20 USD Bestechungsgeld zu zahlen und damit war die Sache geklärt. Selbst die vier Männer von meiner Fahrt mussten so lange warten und baten mich entsprechend, eine neue Fahrt zu finden.
Von Jacinto Lara nach Barquisimeto
Nach diesem ganzen Drama wurden die Militärs auf einmal wieder freundlich und versprachen mir, jetzt unbedingt eine Fahrt für mich zu organisieren. Zu wissen, dass ich ohne Geld unterwegs bin, machte den korrupten Teil daran einfach noch absurder. Ich kam letztlich weg, weil die Beamten Druck auf einen Busfahrer ausübten, der mich dann kostenlos bis nach Barquisimeto mitnahm.

Meine Schlussfolgerung von dieser Episode: Die generelle Lage in Venezuela ist 2026 ziemlich sicher. Die waren Diebe scheinen aber die Polizisten und Militärs zu sein. Beim direkten Zugehen auf die Beamten als Tramper gab es zugegebenermaßen keine Probleme. Im Auto oder Bus angehalten zu werden, strengt aber auf Dauer an. Es wunderte mich dann nicht mehr, warum die Fahrzeit von Maracaibo nach Caracas mit irgendetwas zwischen 10 und 18 Stunden angegeben wurde.
Spät am Abend schaffte ich es schließlich nach Barquisimeto, hatte also die Hälfte der Strecke per Anhalter hinter mich gebracht. Am Busbahnhof standen bereits Fahrer in den Startlöchern, die über Nacht in die Hauptstadt aufbrechen würden. Also knickte ich ein, kaufte ein Ticket für 15 USD und fuhr durch die Nacht. Gegen 5 Uhr morgens war ich in Caracas, also knapp 20 Stunden nachdem ich in Maracaibo an der Peaje angekommen war.
Fazit meiner Reise per Anhalter nach Caracas
Trotz der Schwierigkeiten, hatte es grundsätzlich funktioniert, per Anhalter unterwegs zu sein. Es gibt aber 5 Punkte, die ich beachten würde:
- Bei den Militärs unbedingt klar machen, dass man nicht nur Direktfahrten bis zum Ziel will
- Keine klapprigen alten (verdächtigen) Autos nehmen
- Ein Schild mitnehmen (könnte wirklich den Unterschied machen, weil es ungewohnt ist)
- Bei korrupten Beamten nicht klein beigeben und kein Bestechungsgeld zahlen (so es keine echten Vorwürfe gibt)
- Kürzere Strecken planen, da angesichts der langen Kontrollen Verzögerungen normal sind
Andere Erfahrungen mit Trampen in Venezuela
Meine Fahrt von Maracaibo nach Caracas ist natürlich nur eine Perspektive und eine Erfahrung. Andere Reisende waren etwas geschmeidiger unterwegs, so eine Tramperin aus Italien, die ich noch zuvor in Maracaibo getroffen hatte. Sie kam mit Hilfe der Militärs sehr schnell bis nach Mérida durch. Es könnte aber auch einen großen Unterschied machen, als Frau auf die Beamten zuzugehen und um Hilfe zu bitten. Zudem sprach sie deutlich besseres Spanisch, was aber auch ein Nachteil sein kann. Etwas gebrochen zu sprechen, lenkt zumindest von jedem Journalismusverdacht ab.
Eine Gepäckkontrolle hatte sie trotzdem, fast genauso intensiv wie bei mir, inklusive Durchblättern aller ihrer Bücher. Das war gleich nach der Einreise nach Venezuela, wobei auf der Route von Kolumbien nach Caracas angeblich besonders stark auf Drogen kontrolliert wird. Nicht zwingend, um den Narco Traffic einzudämmen, sondern eher, um Bestechungsgeld einzusammeln.
Unter diesen Umständen ist es durchaus erstaunlich, dass die USA Nicolás Maduro im Januar unter dem Verdacht entführten, dass er der wichtigste Drogendealer in Richtung Nordamerika sei, wenn doch auf den Straßen so strenge Antidrogenkontrollen herrschen. Es muss wohl Ironie des Schicksals sein.