Also erst einmal vorweg: Beirut ist eine ziemlich moderne Stadt. In den vergangenen 35 Jahren nach dem libanesischen Bürgerkrieg sind imposante Gebäude international bekannter Architekten in den Himmel gewachsen. Trotzdem sind die Wunden des Konfliktes anhand von Beiruts zerstörten Gebäuden immer noch sichtbar.
Gerade dieser Kontext macht Urbex in Beirut so spannend: Zwischen den zeitgenössischen Häusern mit ihren Glasfassaden und begrünten Wänden halten sich standhaft die Ruinen, die vom Krieg verletzt und zerrissen worden sind. Sie zeugen von Jahrzehnten an Dramen und schaffen eine auffällige Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.
Das Holiday Inn ist wahrscheinlich das bekannteste Beispiel. Es markiert die einstige Frontlinie zwischen christlichen und muslimischen Milizen. Abgesehen davon lassen sich viele kleinere französisch inspirierte Villen und Wohnhäuser sichten, die mit Kugeln übersät worden sind. Sie stehen in scharfem Kontrast zu den modernistischen Türmen, die oft direkt hinter ihnen aufragen.
Karte der wichtigsten Orte für Urbex in Beirut
Die 5 wichtigsten Orte für Urbex in Beirut
Begeben wir uns auf einen Rundgang durch das architektonische und kriegerische Erbe Beiruts! Ich habe 5 Orte für Urbex in Beirut herausgesucht, an denen man vor allem mehr über die Geschichte des libanesischen Bürgerkriegs erfahren kann.
Holiday Inn Beirut
Das Holiday Inn Beirut ist vermutlich das ikonischste Kriegsdenkmal der Stadt. 1975/76 wurde es zu einem heiß umkämpften Gebäude und bildete nach seiner Einnahme durch die muslimischen Milizen für fast 15 Jahre die Kontaktlinie.
Direkt zum Beginn des Bürgerkrieges entfachte sich im modernen Urlauberviertel neben der Downtown der „Kampf der Hotels“. Gebäude wie das Saint Georges, das Phoenicia und das Holiday Inn rückten in den Mittelpunkt. Von hier aus wurden Mörsergranaten auf die gegenüberliegenden Stellungen abgefeuert. Die Fassade des Holiday Inn spricht heute Bände von diesen Ereignissen.
Seine Geschichte als Hotel war eigentlich recht kurz. Nur knapp ein Jahr, bevor der Bürgerkrieg ausbrach, wurde es offiziell eingeweiht. Es sollte als eine exquisite Ergänzung zu den bereits bestehenden Unterkünften in der Hotellandschaft dazu kommen. Am Ende wurde es zur mit Abstand wichtigsten und symbolträchtigsten Stellung im Häuserkampf.
Heute steht das Holiday Inn Beirut als Mahnmal und Ruine im Zentrum und ist immer noch als militärisches Objekt unter Kontrolle der libanesischen Armee deklariert. Entsprechend gibt es für Außenstehende kein Hereinkommen. Wenn man im Schatten des Gebäudes entlangläuft, kann man sich aber gut vorstellen, wie unmöglich es einst war, sich hier frei zu bewegen. Umso besser, dass der Libanon zumindest diesen Teil seiner Geschichte hinter sich gelassen hat.
Al-Murr-Tower
Eines der auffälligsten Gebäude in Beirut ist der Burj al-Murr, also der al-Murr-Turm, mit 157 m eines der höchsten Häuser der Stadt. Es wurde wie viele andere solcher Türme in den 1970er Jahren geplant und sollte während des damaligen Wirtschaftsbooms das modernste Bürozentrum des Libanons werden.
Der Bürgerkrieg kam dazwischen und genauso wie das Holiday Inn diente der al-Murr-Turm als eine Position für Scharfschützen. Fertiggestellt wurde das Bauwerk nie, sondern fügt sich bis heute als mahnendes Betonskelett in die Skyline ein. Somit ist es eine eindrucksvolle Erinnerung daran, welche großen Ambitionen seit 1975 durch den Krieg zerstört worden sind.
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Ob der al-Murr-Tower jemals vollendet oder genutzt wird, ist mehr als fraglich. Manche sprechen sich eher für einen Abriss aus, bei einem so hohen Bau mit 40 Stockwerken gestaltet sich das aber als schwierig. Für das Vorhaben müsste es auch insgesamt erst einmal Ruhe im Land geben. Der Streit zwischen den Parteien, der Einfluss des Iran und die Angriffe Israels machen es aber unwahrscheinlich, dass renoviert oder gesprengt wird.
Ob man hochgehen kann, habe ich nicht herausgefunden. Angeblich befindet sich im Erdgeschoss noch eine Militärbasis, was es wie beim Holiday Inn eventuell schwer macht, hineinzukommen. Fragen kann man aber mal.
„Das Ei“ – geplantes und verlassenes Kino in Beirut
Eine ziemlich eigenartige Geschichte hat das so genannte „Ei“ in Beirut. Es handelt sich um ein oval geformtes, aber irgendwie flachgelegtes Betongebäude mitten im Zentrum. Auf den ersten Blick wirkt es einfach etwas bizarr, eine eigenartige Ruine, bei der man sich fragt, was sich der Architekt am Anfang dabei gedacht hatte.
Um die Frage zu beantworten: Die Konstruktion sollte mal eine Mischung aus Mall und Kino sein, in etwas erhobener Lage, oval wie ein seitlich liegendes Ei, so dass sich etwas wie eine Tribüne bilden konnte. Errichtet wurde diese Konstruktion ab 1965 nach den Entwürfen der Architekten und Designer Youssef el Zain und Joseph Philipp Karam, konnte aber bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs 10 Jahre später nicht fertiggestellt werden.
Hässlich ist es irgendwie schon, mit den Einschusslöchern aus dem Krieg kombiniert mit zahlreichen Graffitis, aber auch ein Mahnmal sowie ein beliebter Ort für Urbex in Beirut. Gegen einen geplanten Abriss haben sich vor allem Studenten und Architekten gewehrt, die das Ei während der Proteste 2019/2020 sogar als Vorlesungs- und Diskussionssaal benutzten.
In Hinsicht auf Urbex in Beirut und Stadtexploration ist das Ei auf jeden Fall ein Muss. Ich fand schnell ein Loch im Zaun und sah schon einige Jugendliche in den unteren Stockwerken herumsitzen.
Ich wich den Jugendlichen direkt aus und begab mich ganz nach oben. An etwas Müll, Dreck und Exkrementen vorbei kommt man in das Auditorium und kann sich hier schon vorstellen, wie das mal als Kino ausgesehen hätte.
Von der Bühne oder Leinwand ging ich die Ränge bis ganz nach oben. Der Ausgang an der Leinwandseite blickt genau auf die sehr modern gestaltete Mohammed-al-Amin-Moschee. Sie steht in einem scharfen Kontrast zum grauen Brutalismus des Eies.
Mein Augenmerk rückte aber immer auch auf die vernarbten Betonwände selbst. Hier kann man die Wunden des Kriegs in Beirut am besten sehen und sich wundern, wie viel Hass jemand haben kann, um so viele Kugeln auf ein Gebäude, geschweige denn auf Menschen, abzufeuern.
Al-Baida-Wohngebäude in Ras Beirut
In der Nähe des berühmten Tauben-Felsens (Pigeon Rock oder Raouché) an der Küste habe ich einige weitere Ruinen gefunden, insbesondere ein ehemaliges Wohnhaus, das sich als der Al-Baida-Komplex (Fin Building) identifizieren ließ. Markant sind hier vor allem die versetzten Balkone, die den Blick auf das Meer freigeben sollten.
Während des Bürgerkriegs wurden die Bauarbeiten an dem Haus eingestellt und die Anlage befand sich ziemlich schnell zwischen den Fronten wieder. Milizen verschanzten sich hier, weswegen es zum Ziel von Granatenbeschuss wurde. Entsprechend viele Einschläge sind auch an der Fassade zu erkennen.
Nach dem Bürgerkrieg wollte das Gebäude naheliegenderweise niemand mehr haben. Aufgrund der ungeklärten Besitzverhältnisse stand es einfach nur leer, verwucherte. Nun wachsen Bäume aus dem Beton und geben dem Ganzen neues Leben. Nicht ganz so, wie es ursprünglich angedacht war.
Der Hafen von Beirut
Am 4. August 2020 ereignete sich eine der vielleicht größten, jemals auf Video festgehaltenen Explosionen der Geschichte. Im Hafen von Beirut lagerten in einem Kontor 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat. Wie der explosive Stoff hierher kam, ist eine Geschichte für sich, die nicht zuletzt die Lage von Politik und Bürokratie im Land widerspiegelt. So lagerte das Ammoniumnitrat ohne jede Verwendung über 7 Jahre im Hafen von Beirut, nachdem es vom als seeuntauglich deklarierten Schiffes Rhosus konfisziert worden war.
Da der Eigentümer die Rhosus samt Besatzungsmitgliedern aufgab, passierte lange erst einmal nichts. Sie wurde beschlagnahmt und die Ware wegen hoher Explosionsgefahr entladen. Sie kam ins Lagerhaus Nummer 12, einige Jahre, bevor das Schiff einfach im Hafen sank.
Mehrfach versuchen Sicherheitsexperten, das Ammoniumnitrat loszuwerden. Aufgrund der bürokratischen Verwirrungen geschah allerdings nichts, bis zum folgenschweren Augusttag 2020. Durch Schweißarbeiten kam es zunächst zu einem Brand von Feuerwerkskörpern. Kurz darauf flog das Ammoniumnitrat mit einer mächtigen Stoßwelle in die Luft. Sie zerstörte weite Teile des Hafens, des christlichen Viertels Mar Mikhael und die Getreidesilos. Von letzteren ist im Hafen noch eines zu sehen.
Sehr nahe kommt man an den Explosionsort heute nicht heran. Von der Küstenstraße aus kann man aber sehr gut auf die Silhouetten der Ruinen blicken. Sie sind zwar kein Zeichen des Krieges, aber dennoch ein gewisses Symbol innerhalb der Stadt. Der damals ohnehin wirtschaftlich gebeutelte Libanon wurde mit der Zerstörung der wichtigen Hafenanlagen einer Handelsgrundlage beraubt, die das Land noch tiefer in die Inflation stürzte.
Beiruts Architektur: Stadt der brutalen Kontraste
Was an Beiruts Architektur fasziniert, ist diese Mischung aus dem Morbiden und dem Ultramodernen. Hinter den zerschossenen Fassaden aus dem Bürgerkrieg erheben sich immer wieder glatte Glasfassaden oder zeitgenössisch begrünte Wände. Die Stadt ist zu einer Art Experimentierfeld für Architekten geworden.
Mit den aktuellen Architekturtrends und der allgemeinen Offenheit für Ideen knüpft die Stadt an den Bauboom der 1960er- und frühen 1970er-Jahre an, als Beirut als das Paris des Nahen Ostens galt. Schon damals zog es innovative Ideengeber in die Stadt. Heute sind es namhafte internationale Büros wie Herzog & de Meuron, die Projekte wie die 2017 eröffneten Beirut Terraces in unmittelbarer Nähe zum verwüsteten Holiday Inn Beirut umsetzen.
Bemerkenswert ist vor allem, wie stark die Kriegsgeschichte eingebunden und nicht vollkommen geglättet wird. Bernard Khourys Entwürfe integrieren z. B. immer wieder bunkerhafte und militärische Elemente wie den artillerieartigen Aufbau auf dem Wohnhaus Plot #1072. Daneben befinden sich die von Kriegsschäden gezeichneten und vernarbten Fassaden anderer Epochen. Dieser brutale Kontrast ist es, was Beirut für Urbex von verlassenen und neu errichteten Bauwerken so spannend macht.
Erfahre mehr über moderne Architektur, indem du einen Blick in meinen Artikel zur Nördlichen Busstation in Jerewan, Armenien, wirfst.
Abschließende Gedanken zu den Kriegswunden von Beirut
Mehr als 40 Jahre Kriegsgeschichte haben deutliche Spuren in den Seelen der Menschen und an den Gebäuden des Libanons hinterlassen. Die Kriegswunden sind an vielen Häusern in Beirut sichtbar. Gleichzeitig ist die Stadt aber von einem Kontrast zwischen diesen Ruinen und der neuesten Moderne geprägt. Trendige Hochhäuser mit begrünten Fassaden, von Stararchitekten entworfen, reihen sich in der Skyline zusammen mit hohen Betonskeletten ein, die von Gewehrkugeln und Artillerie zerschossen wurden.
Dieser Kontrast macht Beirut für Urbex so spannend und weiß gleichzeitig viel über die Geschichte der Stadt mit all ihren Dramen zu berichten. Heute kann man die alten Frontlinien im Zentrum, im Schatten des Holiday Inn Beirut, ablaufen und sich vorstellen, wie unmöglich es in der zweiten Hälfte der 70er Jahre und in den 80ern noch war, hier frei herumzulaufen.
Bewegt man sich dann von den christlichen und zentralen Vierteln weiter in die heutigen Hezbollah-Siedlungen, erkennt man die gelben wehenden Fahnen der schiitischen Miliz und wird Zerstörung sehen, die neueren Datums ist.
➜ Ziemlich unverblümt wird über die bewegende Geschichte und den Bürgerkrieg bei der Walking Tour Beyond Beirut (Anzeige) gesprochen, die man bei GetYourGuide buchen kann.
Israelische Bomben waren selbst zu meinem Besuch zu hören und schlugen nicht weit entfernt vom Zentrum im südlichen Teil Beiruts ein. Auf diese Weise wird der Fortschritt, repräsentiert durch die mächtigen Betonruinen der 60er- und 70er-Jahre, weiterhin aufgehalten. Für den Libanon, als ein Land, das zwischen verschiedenen Mächten zerrissen wird, ist das natürlich eine Katastrophe und man kann nur hoffen, dass keine weiteren Orte für Urbex in Beirut geschaffen werden.
Für die Anreise kann ich dir übrigens Flugtickets über Istanbul nach Beirut (Anzeige) empfehlen. Istanbul fungiert hier als wichtiger Hub und ist der gängigste Ort zum Umsteigen. Zudem kann man hier noch ein paar Tage bleiben, sich das Areal um die Istiklal Caddesi oder geografisch-kulturelle Anomalien wie das polnische Dorf Polonezköy anschauen.