Bevor ich das erste Mal nach Hongkong kam, hatte ich, so dachte ich, noch nie etwas von den Chungking Mansions gehört. Nun gut, ich buchte ein kleines Quartier auf Airbnb und weil es so winzig aussah – ein Bett, das die Hälfte des Raumes einnahm, plus Duschkabine –, hielt ich diese Option nicht nur für günstig, sondern auch für authentisch und witzig. Adresse: Chungking Mansions. Wie gesagt: Nie zuvor gehört. So dachte ich.

Mitten in der Nacht holte uns das Tesla-Uber am Flughafen ab. Nachdem sich die Reise ewig verzögert hatte und wir bei der Passkontrolle viel zu lange warten mussten, erreichten wir gegen 3 Uhr morgens die Anlage. Der Fahrer zeigte uns den Eingang zu einer Art Einkaufspassage oder Markt, über der ganz groß geschrieben Chungking Mansions stand. Schon beim Hineintreten wurden wir von Umstehenden angesprochen, ob wir etwas brauchen: eine Unterkunft vielleicht?
Unsere erste Aufgabe war es, das Personal unseres Airbnbs zu finden. Zwischen Wechselstuben und Elektronikhändlern führte ein Fahrstuhl in die Höhe. Nach dem Aussteigen klingelten wir an der Tür und wurden in ein winziges Büro geleitet. Es wirkte ein wenig wie die versteckten Anwaltskanzleien in Kafkas Prozess. Hier wurden dann die notwendigen Daten aufgenommen und der Diensthabende hieß uns, ihm zu folgen.

Mit dem Fahrstuhl ging es wieder hinunter und dann quer über diesen bunten Markt. Zwischen indischen Curry-Buden hindurch und an den afrikanischen Shops vorbei erreichten wir dann einen anderen Fahrstuhl und landeten schließlich in unserer Mini-Unterkunft. Die war allemal bequem und vergleichsweise sauber.

Aber woher kannte ich die Chungking Mansions nun?
Was mir aber abgesehen davon seit unserer Ankunft in den Chungking Mansions durch den Kopf schwirrte, war dieses Gefühl, dass ich das alles irgendwie schon kannte. Es ist doch genau wie in diesem Hong-Kong-Film von 1994. Dieses Wirrwarr, dieses etwas in der Zeit Steckengebliebene gemischt mit vergangener Moderne, der Hauch von Kriminalität und authentischen Streetfood-Gerüchen. Die engen Gänge, labyrinthartig, mit Shops aus aller Welt unter Rohrleitungen und Kabelsträngen.

Ich konnte nicht anders, als den Namen des Filmes in derselben Nacht noch einmal zu googlen: „Chungking Express“ von Regisseurlegende Wong Kar-Wai. Konnten die sich ähnelnden Namen wirklich Zufall sein? Zuvor dachte ich einfach nur, dass Hongkong überall diese Atmosphäre widerspiegelt. Nun aber schwante mir, dass wir am Originalfilmset gelandet waren.
Und tatsächlich. Nach etwas Recherche stellte sich heraus, dass die Chungking Mansions eines der berüchtigtsten Gebäude in Hongkong sind und auch in dem Film eine Rolle spielten. Die fünf Blocks an der Nathan Road 36-44 erheben sich hier über mehr als 17 Stockwerke und sind durch die überdachten Levels im Erdgeschoss miteinander verbunden. Etwa 10.000 Menschen aus ca. 130 Nationen arbeiten, leben, gehen hier täglich ein und aus. Neben Chinesen sind vor allem Inder, Pakistanis, Nepalesen und Ghanaer präsent.

Das alles macht die Chungking Mansions von einem zunächst unscheinbaren Haus zu einer versteckten Sehenswürdigkeit in der Stadt. Während viele Touristen das Nachtleben in Central bestaunen, haben die Chungking Mansions mindestens genauso viel, wenn auch anderes, zu bieten.

Hier geht es bei Weitem nicht so glamourös zu wie auf der Lan-Kwai-Fong-Straße auf der Hong-Kong-Insel. Dafür ist es verruchter und bodenständiger. Gespräche drehen sich nicht um neue Projekte und Start-ups, den aktuellen Visa-Run von China oder die besten Massage-Parlours. Stattdessen lernt man hier Lebensnahes über Migrationserfahrungen und Traditionen aus verschiedenen Regionen Asiens und Afrikas.

Besonders zu empfehlen sind die Restaurants auf dem zweiten Deck des Erdgeschosses. Hier haben sich vor allem Inder und Pakistaner mit typischen Gerichten aus dem Punjab eingerichtet. Daneben können Besucher ghanaischen Jolof-Reis und Fufu probieren. Gerade auch die afrikanische Perspektive ist es, welche einen Besuch in den Chungking Mansions spannend macht.

Mein Tipp: SIM-Karten, Elektronik, alles in den Chungking Mansions kaufen
Beim nächsten Aufenthalt in Hongkong wusste ich Bescheid. Vor allem war mir nun klar, wo man am besten Elektronik, SIM-Karten, Bargeld und Krimskrams kaufen konnte. Für alle, die später weiter nach Macao, Taiwan oder Festlandchina fahren, ist das Erdgeschoss der beste Anlaufpunkt. Hier bekommt man die mit Abstand besten Roaming-Deals. Eine SIM-Karte kostet vielleicht 30–40 USD und damit kann man dann auch einen ganzen Monat im Ausland surfen.

Das Gute an dem Kauf: In der Volksrepublik braucht man dann keinen VPN und kann die China-Firewall umgehen. Da die Funkverbindung automatisch über Hongkong läuft, funktionieren alle westlichen Apps auch so. Dennoch kann ein Proxy aber nicht schaden, um seine persönlichen Daten zu schützen. Die Händler findet man innen, aber auch außen am Gebäude. Preiswert sind übrigens auch die Steckdosenadapter. Wer sie in den Chungking Mansions kauft, spart jede Menge Geld im Vergleich zu anderen Orten.
Chungking Mansions modern – die CKE Mall im Mittelgeschoss und Fenster zur Nathan Road
Nicht alles an den Chungking Mansions ist in der Zeit eingefroren und von einem bunten Chaos geprägt. Neben dem Eingang und unter den tropfenden Klimaanlagen befinden sich zwei weitere Portale. Das eine davon führt direkt neben dem marmornen Tor zu den Mansions per Rolltreppe nach oben, quasi in den dritten Stock, wo sich dann die CKE Shopping Mall befindet.

Dieser Teil ist weniger labyrinthisch und ganz und gar nicht von den klassischen Einzelhändlern der Chungking Mansions geprägt. Man findet dagegen jede Menge Klamottenläden und Fastfood-Ketten. Anders als in den Erdgeschossen kann man hier nicht um den Preis feilschen. Es gibt aber auch einige kleinere Elektronikgeschäfte, wo das vielleicht noch ein bisschen möglich ist. Außerdem macht das Leben auch mal Pause, während es ein Stockwerk darunter auch nachts weitergeht. Gegen 10 Uhr abends ist bei CKE Schicht im Schacht.

Was mir persönlich gut gefallen hat, war die Filiale von Café de Coral, einer beliebten Restaurantkette in Hongkong. Praktisch ist, dass man sich hier viele kleine Häppchen, Süppchen, Makrelen, Hühnchen, ach alles Mögliche auftischen lassen kann. Der eigentliche Grund dafür, genau hierher zu kommen, ist aber das langgezogene Panoramafenster, an dem man dieses Essen mit Blick auf die quirlige Nathan Road genießt.
Im Keller der Chungking Mansions: Pop-up-Welt Heath
Und dann gibt es da seltsamerweise noch einen Eingang, nur drei Schritte weiter von der CKE Mall. Mit einem spartanischen H in Silber gekennzeichnet, fällt er auf den ersten Blick gar nicht auf. Dann entziffert man das Wort Heath und wundert sich, was es dort gibt. Wieder ist es eine Rolltreppe, die einen zu einem anderen Level der Chungking Mansions bringt, dieses Mal tief in den Untergrund.

Die Kellerräume wurden hier trendy umgebaut, so dass Platz für coole Pop-up-Shops, Fashion, Kunst und bisschen Essen entstehen konnte. Anders als in der Mall im Mittelgeschoss, ist hier aber alles lässig-poppig bis avantgardistisch.

Wir haben dieses Flair vor allem bei Sincere Tea mitbekommen, wo eben nicht nur der Silky Hong Kong Milk Tea neben kleinen Snacks bemerkenswert war, sondern auch das Interieur mit vielen 80s-Referenzen, von Actionfiguren bis hin zu Kassetten.

Abgesehen davon findet man in diesem Heath Mall Keller Shops mit ausgesuchten Schallplatten, eine Fotobox, etliche Souvenirs und Kunstwerke, koreanische Kosmetik und asiatische Whiskeys.
Wie findet man die Chungking Mansions in Hongkong?
Um die Chungking Mansions zu finden, steigt man in die rote Metro-Linie 1 ein und verlässt diese wieder in Tsim Sha Tsui. Direkt neben dem Ausgang auf der Nathan Road nahe der Kreuzung Peking Road befindet sich der Eingang in dieses aufregende Labyrinth, diesen Mikrokosmos inmitten der Metropole Hongkong, diese kleine Welt, die fast nie zu schlafen scheint.

Location: Chungking Mansions